Der Daniel Düsentrieb des Verzascatals

Der Daniel Düsentrieb des Verzascatals

Fabrizio Bacciarini flickt nicht nur alles, er erfindet und konstruiert auch selber Maschinen.

Wenn irgendwo im Verzascatal eine Maschine oder ein technisches Gerät kaputt geht, kommt Fabrizio Bacciarini zum Einsatz. Nach jahrelanger Planung kann der Daniel Düsentrieb des Verzascatalsnun nun endlich eine richtige Werkstatt bauen.

«Tut mir leid, hier herrscht das Chaos. Es ist einfach unmöglich, hier drinnen Ordnung zu halten. Der Baucontainer ist viel zu klein für meine Werkstatt. Wenn ich eine Maschine benutzen möchte, muss ich zuerst all das Material, das darauf lagert, in eine andere Ecke derWerkstatt verfrachten. Und beim nächsten Arbeitsschritt wieder zurück. Was ich da an Zeit verliere! Mama Mia ... Für eine Säge und eine Blechbiegemaschine fand ich gar keinen Platz mehr hier. Die stehen zwei Dörfer weiter talaufwärts in einem Stall. Der Bauer überlässt mir den Raum und nutzt im Gegenzug meine Geräte. Eigentlich ein sinnvoller Deal. Aber auch dort ist es viel zu eng, es ist natürlich nicht geheizt, und man riecht nach Kuhstall, wenn man eine halbe Stunde drin war.»

«Deshalb habe ich schon lange den Plan, direkt hier in Brione, auf der Wiese neben meinem bisherigen Werkstattcontainer, eine richtige Werkstatt zu bauen. Mit genügend Platz zum Arbeiten, mit einem Raum, in dem ich Kunden empfangen kann, einem Büro und oben drüber einer Wohnung für meine Familie. 2012 konnte ich das Grundstück kaufen. Seither bin ich am Planen. Und am Rechnen. Die Finanzierung hat sich als fast unmöglich erwiesen. Die Banken haben bei Gewerbeliegenschaften viel strengere Regeln als bei Hypotheken für Wohneigentum. Unser Erspartes reichte daher nicht, auch nachdem wir zum wiederholten Mal mit dem Rotstift über die Pläne gegangen sind. Da kam mir die Idee, bei der Schweizer Berghilfe anzufragen. Ich wusste damals nicht, dass die Stiftung auch Projekte ausserhalb der Landwirtschaft unterstützt. Aber ich dachte mir: Meine Arbeit hilft auch den Bergbauern im Tal, also ist mein Projekt ja auch im Interesse der Landwirtschaft. Ich fand dann schnell heraus, dass die Berghilfe das unterstützt, was im Berggebiet Arbeitsplätze erhält oder schafft.»

Das Projekt in Kürze

  • Handwerker
  • Bau der Werkstatt
  • Brione/TI

Der Verzicht hat sich gelohnt

«Ich betreibe ja fast selbst ein bisschen ‹Berg-Hilfe› hier. Ich habe eine gute Ausbildung, arbeite nebenbei noch als Prüfer und Ausbildner. In der Ebene unten musste ich deutlich weniger arbeiten und verdiente mehr als hier oben. Aber ich habe den Entscheid, mich hier im Heimatdorf meiner Mutter selbständig zu machen,keine Sekunde bereut. Das war 2003. Ich fing an in der Garage eines Onkels. Ich habe schnell gemerkt, dass ein guter Mechaniker hier mehr als willkommen ist. Ein Beispiel: Einem Bauern in Sonogno geht der Transporter kaputt. Dann kommt der Landmaschinenmechaniker aus dem Tal unten nicht selbst hoch. Er schickt einen Lastwagen, der den Transporter abholt, in die Werkstatt fährt und nach erledigter Arbeit wieder rauftransportiert. Das dauert. Ich erledige die Reparatur wenn möglich vor Ort. Und wenn es gar nicht anders geht, ist meine Werkstatt nicht halb so weit entfernt. Ich repariere aber auch Melkmaschinen, Heugebläse und Kleingeräte wie Viehhüter. Diese Abwechslung geniesse ich an meinem Job. Jeder Tag ist anders. Am schönsten ist es, wenn ich selbst etwas konstruieren kann. Inzwischen stehen schon ziemlich viele meiner Maschinen im ganzen Verzascatal verstreut. In einem Geissenstall ganz in der Nähe habe ich einen Futtertisch mit Förderband erfunden. So braucht der Bauer zum Füttern weniger Platz und kann trotz neuer Tierschutzvorschriften, die mehr Fläche pro Tier vorschreiben, gleich viele Ziegen halten wie zuvor. Eine andere Maschine hilft beim Verpacken von Frischkäse. Sie ist bereits seit zehn Jahren regelmässig im Einsatz, und noch nie ist etwas kaputtgegangen. Da bin ich schon etwas stolz darauf. Sogar eine Fussgängerbrücke habe ich schon gebaut.»

«Aber solche Konstruktionen brauchen Zeit. Und davon habe ich immer zu wenig, obschon sich meine Frau Simona um alles Administrative kümmert und mir den Rücken freihält. Es gibt einfach zu viel zu tun. Ich hätte schon vor Jahren einen Mitarbeiter eingestellt, aber dafür reichte der Platz nicht. So musste ich immer wieder Aufträge ablehnen. Mit der neuen Werkstatt wird das endlich besser. Ich habe sie so geplant, dass es Platz für bis zu vier Angestellte hat. Ich bin überzeugt davon, dass es im Verzascatal genug Arbeit für so viele Mitarbeiter gibt. Doch das sind langfristige Pläne. Was ich unbedingt schon nächstes Jahr anbieten will, ist eine Lehrstelle. Ausbildungsplätze sind rar hier im Tal. Und es macht mich stolz, mindestens einem Jugendlichen die Chance geben zu können, einen Beruf zuerlernen, ohne weit hinunter pendeln zu müssen.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im September 2018