Ein Leben, eine Alp

Ein Leben, eine Alp

Die Alpe di Géira oberhalb von Dalpe – für Giuseppe Fransioli ist sie viel mehr als einfach nur eine Alp.

«Sechs Sommer habe ich hier oben auf der Alpe di Géira verbracht. Das erste Mal war ich noch keine zehn Jahre alt. Für die Buben aus Dalpe war das damals normal: Im Sommer half man auf den Alpen aus. Kühe hüten, zäunen, Handlangerarbeiten. Ob es sehr streng war, weiss ich gar nicht mehr so genau. Das alles ist schliesslich schon eine ganze Weile her – inzwischen bin ich 83 Jahre alt.

Ich war zwar nie Bauer, hatte aber mein ganzes Leben lang mit der Alpe di Géira zu tun. Zuerst war ich lange Jahre Mitglied im Patriziato, also der Bürgergemeinde, die Besitzerin der Alp ist. Dann, im Jahr 2001, wurde ich Präsident. Seither kümmere ich mich um die Alpen und die Waldgebiete des Patriziato di Dalpe. In den vergangenen Jahren stand dabei die Alpe di Géira im Mittelpunkt: Eine umfangreiche Sanierung der Gebäude konnte nicht länger herausgeschoben werden. Die Käserei erfüllte die Standards der Lebensmittelinspektion nicht mehr, im Käsekeller bröckelten die Wände und beim Melken musste immer ein Generator laufengelassen werden, damit genügend Strom vorhanden war. Inzwischen sind alle Arbeiten abgeschlossen. Wir konnten die Alp ans Stromnetz anschliessen und ausserdem durch bauliche Massnahmen viele Arbeitsabläufe verbessern. Das ist wichtig, denn die vier Personen, welche die Alp am Laufen halten, haben mehr als genug zu tun. Schliesslich betreuen sie rund 90 Milchkühe, die jeden Tag zwei Mal in den Stall getrieben und gemolken werden müssen. Aus der Milch werden pro Sommer 1800 Laib Käse produziert, das sind 8 Tonnen. Heute wird an einem modernen Melkstand gemolken, acht Kühe aufs Mal. Als ich noch hier z’Alp ging, hatten wir sechs einzelne kleine Ställe, in denen gemolken wurde – natürlichnoch von Hand.

Das Projekt in Kürze

  • Patriziato
  • Alpsanierung
  • Dalpe/TI

Es bleibt in der Familie

Erleichtert bin ich darüber, dass seit der Sanierung die Gesundheit der Kühe viel besser ist. Wir hatten früher oft Probleme mit den Klauen, weil der Boden rund um die Ställe aufgeweicht und schlammig war. Jetzt ist nicht nur der Innenhof geplättelt, sondern auch der Platz hinter dem Melkstand. Neu sind auch die zwei kleinen Becken beim Eingang zum Hof, die ein bisschen so aussehen wie die Fusswaschbecken im Freibad. Sie erfüllen auch den gleichen Zweck. Im ersten werden die Klauen mit Wasser gereinigt, im zweiten mit einem sanften Mittel desinfiziert.

Ich finde es schön, dass ich in meiner Amtszeit die Alpe di Géira noch fit machen konnte für die nächsten Jahrzehnte. Als Nächstes steht dann noch die Erneuerung des kleinen Alpbeizlis an. Ob ich auch dieses Projekt noch betreuen werde, weiss ich nicht. Das kommt auch auf die Gesundheit an. In der Familie bleibt das Sorgetragen zur Alp sowieso. Mein Neffe Aris ist schon viele Jahre Vizepräsident des Patriziato und hilft bei allen Projekten mit. Da kann nichts schiefgehen.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im September 2020