Ein Nischenprodukt für das ganze Dorf

Ein Nischenprodukt für das ganze Dorf

Die Gäste kommen von weit her ins Unterengadin, um in einem der individuell eingerichteten Zimmer des Hotel Piz Linard zu übernachten.

Das Hotel Piz Linard ist aus Lavin nicht mehr wegzudenken. Es bringt nicht nur Arbeit und Gäste ins Dorf, sondern ist auch zum Treffpunkt vieler Einheimischen geworden.

Hell scheint die Nachmittagssonne durch die vier grossen Fenster. Sie fällt auf eine frei im Raum stehende Badewanne aus Holz, auf viel Parkett, auf einen farbenfrohen modernen Teppich und auf ein grosses Doppelbett. Das Zimmer mit dem Namen Lain ist eines der grössten im Hotel Piz Linard. Mitten drin steht Hans Schmid, die treibende Kraft hinter dem Hotel. Mit Dreitagebart, schwarzer Hornbrille, schwarzen Jeans, grauem Schal und halbhohen Lederschuhen sieht er aus, wie man sich einen typischen Architekten vorstellt. Ganz daneben liegt man nicht mit diesem Cliché. Schmid interessiert sich nicht nur für die Gastwirtschaft, sondern in gleichem Masse auch für Innenarchitektur, Kunst und Literatur. Dem Piz Linard hat er unübersehbar seinen Stempel aufgedrückt. Sei es in den gediegenen Palazzo-Zimmern, die einzeln von verschiedenen Künstlern und Grafikern gestaltet wurden oder in den günstigen und einfachen Zimmern der Kategorie Chamonna liebevoll gestaltete individuelle Details sorgen für einen kleinen, aber wirkungsvollen Unterschied zu anderen Hotels. Ein Nachttischlämpchen aus dem Brockenhaus, an der Wand ein Kunstdruck, auf dem antiken Tischchen ein Bildband über alte Rezepte des Unterengadins. Mit viel Hingabe und grossem zeitlichen Aufwand hat Schmid das Hotel eingerichtet. Die Gäste schätzen diese Detailverliebtheit. Manche wollen bei jedem Besuch ein neues Zimmer entdecken, andere haben ihr Stammzimmer, in das sie immer wieder zurückkommen.

Das Piz Linard, direkt am Dorfplatz des Unterengadiner Dorfes Lavin gelegen, ist schon seit 140 Jahren ein Hotel. In seiner Geschichte sah es viele verschiedene Besitzer, unterschiedlichste Bewirtschaftungskonzepte, Hochs und Tiefs. Hans Schmid hat es vor sechs Jahren gemeinsam mit seiner damaligen Frau Gaby übernommen. Der gelernte Jurist leitete das Kulturamt im Kanton St. Gallen und hatte mit dem Gastgewerbe nichts am Hut. Regelmässige Ferien im Unterengadin brachten jedoch die ganze Familie dem Tal und seinen Bewohnern näher. Ab und zu liebäugelten Schmids damit, Gastgeber mit Leib und Seele zu werden. Als dann das alte Hotel mitten im Dorf zum Verkauf angeboten wurde, fingen sie an zu träumen, zu rechnen und zu planen. Für Hans Schmid war klar, dass das Hotel nur dann eine Zukunft hat, wenn er es zu etwas Unverwechselbarem macht. «Ich sah den altehrwürdigen Speisesaal und stellte mir vor, wie ich ihm den abhandengekommenen Glanz vergangener Jahrzehnte zurückgeben könnte», erinnert er sich. Diverse über die Jahre vorgenommenen oberflächlichen Sanierungen hatten einerseits viel des alten Charmes zerstört andererseits auch Bausubstanz angegriffen und die Renovation aufwändig und teuer gemacht.

Das Projekt in Kürze

  • Hotel
  • Renovation des Gebäudes
  • Lavin/GR

Mit einer Mischung aus Faszination und Respekt entschlossen sich Schmids, den Schritt zu wagen. Sie kratzten all ihr Geld zusammen, warben um Kredite, gewannen Freunde und Verwandte für die Mitfinanzierung. Als auch die Schweizer Berghilfe einen Beitrag zusicherte, reichte es, um das Hotel zu kaufen, und die erste Etappe der Renovierungsarbeiten anzugehen. Das ist sieben Jahre her. Inzwischen laufen Hotel und Gasthaus gut und sind aus Lavin nicht mehr wegzudenken. Das Piz Linard bringt nicht nur Gäste ins Dorf, die Usteria ist auch zu einem wichtigen Treffpunkt für die Einheimischen geworden. «Diesen Frühling hatten wir in der Zwischensaison zum ersten Mal ein paar Wochen geschlossen», erklärt Schmid. «Da wurde vielen richtig klar, was es für das Dorf heissen würde, wenn es das Piz Linard nicht gäbe.» Auch das gute Restaurant ist nicht nur für die Hotelgäste wichtig. Viele Ferienhausbesitzer zählen zu den Stammgästen im Piz Linard. Aber auch wirtschaftlich ist das Piz Linard zu einer festen Grösse im Dorf geworden. Insgesamt gibt es elf Personen eine Arbeitsstelle, lokale Produzenten liefern ihre Produkte. Von der Nusstorte über den Käse und das Fleisch bis zu den Blumen – was möglich ist, kommt aus Lavin und den Nachbardörfern. Vieles mehr kaufen Schmid und sein Team ganz bewusst im Dorfladen ein.

Inzwischen steht ein nächster Ausbauschritt an. Weitere Zimmer, Lobby, Badestube für Entspannung und Inspiration im Winter sollen entstehen. Gäste, die das Piz Linard lieb gewonnen haben, leisten einen finanziellen Betrag als Freunde und Mäzene. Die Unterstützung der Berghilfe wird es dieses Mal nicht mehr brauchen.

pizlinard.ch

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im