Ein wunderschönes Fass ohne Boden

Der «Alpenhof» in Weisstannen verströmt mit seinem Ballsaal aus der Jahrhundertwende den Glanz vergangener Zeiten. Wer nur ein bisschen genauer hinschaut, sieht jedoch, wie der Zahn der Zeit an den Gebäuden nagt. Marcel Frey und Andreas Gubler stellen sich dem Verfall entgegen.

Der «Alpenhof» hat eine spannende Geschichte. Das Schöne daran: Man stolpert bei jedem Schritt darüber. Im Treppenhaus sieht man zum Beispiel die alten, unbehandelten Balken des ursprünglichen Strickbaus von 1787, daneben schichtweise diverse Tapeten, aber auch alte, teilweise noch lesbare Zeitungen, die zur Isolation verwendet wurden. In den Zimmern und den Aufenthaltsräumen hängen Porträts von ehemaligen Besitzern des Hotels, alte Baupläne und Bilder.

Das alles haben Marcel Frey und Andreas Gubler im Haus gefunden, als sie es 2007 in beinahe abbruchreifem Zustand gekauft hatten. Auch ein ansehnlicher Teil der Möblierung stammt aus dem Haus selbst. «Der Estrich war eine richtige Fundgrube», erinnert sich Marcel. Doch es kam nicht nur Erfreuliches zutage. «Wir wussten, dass uns viel Arbeit bevorstand. Aber die Bausubstanz erwies sich dann doch als deutlich schlechter als angenommen.» «Es ist ein Fass ohne Boden», pflichtet Andreas bei. Aber: ein wunderschönes Fass ohne Boden.

Das Projekt in Kürze

  • Hotel
  • Umbau
  • Weisstannen/SG

Neustart mit vollem Einsatz

Die beiden Männer aus Zürich, die nicht nur zusammenarbeiten, sondern auch privat ein Paar sind, wollten Anfang der 2000er-Jahre nochmals etwas Neues beginnen. Sie waren auf der Suche nach einem Hotel mit Charakter, das sie übernehmen konnten, schauten Objekte in der ganzen Schweiz an. Aber so richtig passte nichts. Erst als sie den geschlossenen «Alpenhof» besichtigten, da konnten sie sich genau vorstellen, wie hier alles einmal aussehen sollte. Sie kratzen ihre Ersparnisse zusammen, Marcel plünderte seine Pensionskasse und die beiden wurden Hoteliers. Ihre Jobs als Landschaftsarchitekt respektive Angestellter in einem Musikfachgeschäft hängten sie an den Nagel.

Heute, schon fast 15 Jahre später, haben Marcel und Andreas einen Teil ihrer Pläne verwirklicht. Das Haus versprüht genau den Charme, den es sollte, das Hotel zieht spannende Menschen an, die hier Ruhe und die Nähe zur Natur suchen, das Schöne schätzen, aber keinen Wert auf modernen Luxus legen. In der Küche verarbeitet Andreas vorwiegend lokale Produkte zu einfachen, aber hochwertigen Köstlichkeiten. Doch nicht alles hat geklappt. Die geplante Totalsanierung stellte sich als viel zu teuer heraus, der Gebäudeteil mit dem Ballsaal und den Belle-Epoche-Zimmern lässt sich nach wie vor nicht heizen und ist deshalb im Winter geschlossen. Aufschieben mussten die Gastgeber auch ihre Pläne, alle Zimmer im Haupthaus mit einem eigenen Bad auszustatten. Alles baulich zu kompliziert und darum zu teuer.

«Wir haben es ein paarmal bereut, uns auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben», gibt Marcel zu. Immer dann, wenn kleine Sanierungsmassnahmen wieder mal einen Rattenschwanz von teuren Arbeiten nach sich gezogen haben. Doch irgendwann hätten sie sich einfach damit abgefunden, dass der «Alpenhof» wohl nie ganz fertigwerden würde. «Seither gehen wir einfach ein Problem nach dem anderen an.» Der letzte Ausbauschritt war ein wichtiger: Das Dach, durch das im Winter die Feuchtigkeit eindrang, wurde abgedichtet und die zwei Zimmer im obersten Stock bekamen je ein eigenes Bad. Sie sind zu wahren Bijous geworden, die nun auch im Winter Gäste anziehen. Damit sind Marcel und Andreas ihrem Ziel, nicht nur im, sondern eines Tages auch tatsächlich vom «Alpenhof» leben zu können, einen grossen Schritt nähergekommen.

alpenhof-weisstannen.ch

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im November 2021
Die Unterstützung
Neue sanitäre Anlagen, ein saniertes Dach, Anpassungen in der Küche und Brandschutzmassnahmen. Das gehört alles zur jüngsten, von der Schweizer Berghilfe mitfinanzierten Sanierungsetappe im Hotel Alpenhof.