Eine Alphütte geht auf Wanderschaft

Mit 450 Ziegen pflegt Familie Patzen im Averser Seitental Madris die Weiden mehrerer Rinderalpen und geht so gegen die Verbuschung vor. Aber wohin mit den Ziegenhirten, wenn die Alphütten schon anderweitig besetzt sind? Martin Patzen hat aus der Not eine Tugend gemacht und eine Hirtenhütte auf Rädern gebaut.

Es ist ein eindrückliches Bild, wenn 450 Geissen im gestreckten Galopp auf einen zugerannt kommen. Die gehörnten Damen, die meisten von ihnen der alten Rasse Capra Grigia zugehörig, sind ungeduldig. Sie wollen raus aus der eingezäunten Nachtweide, zu den schmackhaften Büschen und Gräsern hier oben am Ende des Hochtals Madris. Darum kommen sie mit Karacho, als Madeleine Frei sie ruft und den Zaun öffnet. Nur ein paar Nachzügler müssen die beiden Hirtenhunde antreiben.

Madeleine und ihr Partner Markus Sieber sind bereits den zweiten Sommer für die Ziegen in Familie Patzens Obhut zuständig. Patzens, die den einzigen Hof im Madris mit Mutterkühen, Ziegen und Pferden bewirtschaften, haben sich ein ganz besonderes Geschäftsmodell ausgedacht. Sie nehmen zur Sömmerung Ziegen aus der ganzen Schweiz zu sich. Allerdings haben diese gar keine eigene Alp. Die Geissenherde zieht durchs Tal und weidet auf dem Gelände von insgesamt drei Rinderalpen. Davon haben auch die Alpbesitzer etwas. Denn im Madris gibt es grosse Probleme mit der Verbuschung der Weideflächen und die Kühe fanden immer weniger Futter. Ziegen hingegen lieben die schmackhaften Blätter der Büsche und fressen sie ab. In den fünf Jahren, die Patzens Ziegenhirten nun schon mit der grossen Geissenherde unterwegs sind, hat sich die Situation schon merklich verbessert, die Verbuschung ist zurückgegangen. Die zuständigen Biologen haben bereits wieder mehr Rindvieh für die Alpen zugelassen.

Das Projekt in Kürze

  • Bergbauernfamilie
  • Mobile Hirtenhütte
  • Madris/GR

Wo sollen die Hirten übernachten?

Weil Martin und Julia Patzen den Sommer über rund um ihren Hof für den langen Winter heuen müssen, haben sie keine Zeit, sich selbst um die Geissen zu kümmern. Denn das ist aufwendig. Vor allem, seit der Wolf in der Region alle Halter von Schafen und Ziegen dazu zwingt, ihre Tiere eng zu betreuen. Also stellen sie jeweils ein Hirtenpaar an.

Doch wo sollen die Hirten übernachten? Die Alphütten im Madris sind schon vom Personal der Rinderalpen belegt. Also versuchten sie es zuerst mit einem günstig gekauften Occasionswohnwagen. Doch der war eindeutig nicht für die Dauerbelastung von Älplern, Hunden und alpiner Witterung gemacht. «Nach einem Sommer fiel er fast auseinander», so Martin. Die Jahre darauf konnten Patzers eine Ziegenhirtin anstellen, die einen eigenen Bauwagen besass. Die Idee war, diesen dereinst zu übernehmen, aber schliesslich wollte sich die Hirtin doch nicht davon trennen. Also musste innerhalb weniger Monate ein Ersatz her. Martin, der gerne schreinert und zimmert, fand ein günstiges Chassis eines Lastwagen-Anhängers und baute darauf eine Hütte in Festholz-Bauweise. Mit Schwedenofen, kleiner Solaranlage und Trockentoilette, aber ohne Kühlschrank oder Wassertank.

Verkaufsstand auf Rädern

Die mobile Hirtenhütte im Averser Seitental Madris ist nicht das erste Gebäude auf Rädern, das Bergbauer Martin Patzen konstruiert hat. Bereits fünf Jahre zuvor zimmerte er eine Nachbildung eines Walserhäuschens und montierte es auf einen Anhänger. Vier Bauernfamilien aus dem Avers nutzen es seither gemeinsam als Verkaufshäuschen für ihre Produkte: vom Käse über Trockenfleisch bis hin zum fürs Avers traditionellen «Chümischnaps». Weil ihr «Hofladen» mobil ist, können sie ihn je nach Jahreszeit immer dort platzieren, wo es am meisten Leute hat. Und einmal jährlich fahren sie mit dem rollenden Walserhaus sogar bis an den Weihnachtsmarkt in der Averser Partnergemeinde Seuzach bei Winterthur im Kanton Zürich.

«Richtig gemütlich»

Diese mobile Hütte ist nun bereits den zweiten Sommer über das Daheim von Madeleine und Markus. «Er ist super gebaut. Weil er ausschliesslich aus Holz besteht, ist das Klima darin sehr angenehm», sagt Madeleine. «Es ist richtig gemütlich. So hält man auch mal längere Regenphasen aus, ohne den Koller zu bekommen.»

Während einer Alpsaison hat die Hütte drei verschiedene Standorte. Heute ist «Züglete» angesagt. Martin hat sich extra von einem Kollegen einen grossen Traktor ausgeliehen. Mit seinem eigenen Transporter könnte er die mobile Hütte nicht sicher verschieben. Noch schnell die hölzerne Treppe abmontieren, die Deichsel anhängen, und es kann losgehen. Im Schritttempo geht es durchs Tal bergauf. Auf öffentlichen Strassen dürfte der Anhänger nur mit Begleitfahrzeug verkehren, da er zu breit ist. Hier oben aber ist das kein Problem.

Die Unterstützung

Beim Bau der mobilen Hirtenhütte konnte Familie Patzen auf die finanzielle Unterstützung der Schweizer Berghilfe zählen.

Knapp zwei Stunden später hat die Hütte am oberen Ende der Alp bereits wieder ihren Platz gefunden. Mit Wasserwaage und Steinplatten für unter die Räder sorgen Martin und sein Vater Kurt dafür, dass die Hütte schön ausnivelliert ist. Madeleine räumt den Kleinkram, den sie zum Transport in Kisten verpackt hatte, wieder an seinen Platz – und schon ist das Zuhause der Hirten bereit für die nächsten paar Wochen. «Wir haben uns schon sehr darauf gefreut in den vergangenen Tagen», sagt Markus. «Jetzt sind wir wieder ganz nahe bei den Ziegen. Und schöner ist es auch hier oben, so abgelegen und mitten in der Natur.»

hof-madris.ch

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im Juni 2026

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.