Emmentaler Käse, Industriekönige und ein Spontanentscheid

Wer heute im Val-de-Travers übernachtet, geniesst die Ruhe und Beschaulichkeit seiner kleinen Orte. Doch im Tal war es längst nicht immer so ruhig. Vom Käsehandel über halb verhungerte Soldaten, Industriekönige bis hin zum beliebten Treffpunkt für Gross und Klein: Das Hotel de l’Aigle hat über 250 Jahre wechselvoller Geschichte erlebt.

Einzelne Autos rollen vorbei, Vögel zwitschern, die Luft riecht nach frischen Blumen. Im Garten des Hotels de l’Aigle in Couvet haben sich an die 80 Menschen an diesem heissen Sommerabend im Juli versammelt. Sie sind Aktionäre, Hotelfans und Mitarbeitende mit ihren Familien. Das Team feiert sich selbst – und die Rettung des alten Betriebes – des sehr alten Betriebes. 1986 stand das Hotel nach einer über 250-jährigen, wechselvollen Geschichte vor dem Ende. Dass es dann nicht so weit kam, ist vor allem einem zu verdanken: Matthias von Wyss. Vor 40 Jahren entschied er sich, von Neuchâtel hinauf ins Tal arbeiten zu kommen, um den verschlafenen Tourismus sanft anzukurbeln.
Als das Hotel zum Verkauf stand, boten Handwerker, Lieferanten, Einheimische – und Matthias von Wyss. Er wusste im Rücken eine eilends dafür gegründete Aktiengesellschaft. «Der Anfang war etwas speziell: Zuerst haben wir das Hotel gekauft. Es war eigentlich ein Spontankauf. Und erst dann haben wir überlegt, wie es gewinnbringend geführt werden kann. So kam es, dass wir zeitweise mehr über Deckenfarben diskutiert haben als über das Betriebskonzept», sagt er und lacht.

Das Projekt in Kürze

  • Hotelbetrieb
  • Renovation der Badezimmer
  • Couvet/NE

Pferdewechsel an wichtiger Handelsroute

1778 gebaut, diente das Hotel zunächst als wichtiger Rastpunkt für Händler und Reisende und als Pferdewechselstelle. Denn die Grenze zu Frankreich liegt quasi um die Ecke. Eines der wichtigsten Handelsgüter jener Zeit war der Emmentaler Käse. Begehrt auf dem französischen Markt wurden die rund 30 kg schweren Laibe, von den Berner Alpen hinunter, dann von Neuchâtel in Transportkutschen hochgezogen und an Couvet vorbeitransportiert.

Genau die Anfangszeit des Hotels fällt auch die Erfindung des Absinths. Der Sage soll der Absinth-Schnaps aus Wermutkraut, Anis, Fenchel und weiteren Kräutern, seinen Sprung von einer Arztnei zum beliebten Schnaps genau hier, neben dem Hotel, geschafft haben. Im Nachbarhaus wohnte der Arzt Pierre Ordinaire. Er habe, so geht die Sage, um 1770 so lange an der Rezeptur getüftelt, bis seine damaligen Gäste so richtig auf den Geschmack gekommen waren. Gut vorstellbar, dass die Käsehändler also auch noch ein paar Kisten voll des begehrten Kräuterschnapses mit aufluden. Aus dieser Zeit stammt auch der Name des Hotels. Verbrieft ist er als «L’aigle noir» – als schwarzer Adler. Dieser galt damals als Schutz- und Schirmsymbol. Weil viele Menschen nicht lesen konnten, sollte ihnen das Bild des Adlers anzeigen, dass sie und ihre Gespanne hier sicher ruhen konnten. «Die Pferdeställe haben wir beim Kauf 1980 noch teilweise vorgefunden», sagt Matthias von Wyss.

Der schwarze Adler

Woher das Hotel seinen Namen erhielt, ist nicht mehr zu klären. Mehrere Gründe könnten für die Namenswahl verantwortlich gewesen sein: Als das Hotel 1778 eröffnet wurde, war Neuchâtel im Besitz des Staats Preussen. Dessen Wappentier war der schwarze Adler. Wer ihn also als Name für sein Gasthaus wählte, zeigte die Verbundenheit mit der Monarchie. Zugleich galt der Adler schon lange davor als Symbol für Schutz und Sicherheit. Selbst des Lesens unkundige Durchreisende erkannten am Schild, dass ihnen hier gut geschaut würde.

Nur die obere Klasse willkommen

Die schützenden Adlerschwingen, sie haben vielleicht auch den rund 85'000 ausgehungerten Soldaten der Bourbaki-Armee etwas Trost gespendet, die sich 1871 bei der nahen Grenze in die Schweiz retten durften und direkt am Hotel vorbeizogen. Doch von Innen haben diese einfachen Leute das prächtige Gebäude damals wohl nicht gesehen. Denn einige Jahre zuvor hatte Henri-Edouard Dubied das Patent für eine amerikanische Flachstrickmaschine erworben und in Couvet eine grosse Fabrik für die Herstellung dieser Maschinen aufgebaut. Das Hotel diente der Geschäftsleitung bald als zweites Büro und wichtiger Treffpunkt. «Einfache Arbeiter durften laut unseren Quellen nur zu ausgewählten Anlässen ins Aigle, zum Beispiel wenn die Jungen ihre Lehrabschlusszeugnisse erhielten», sagt Matthias von Wyss. Das blieb fast 120 Jahre so, bevor das weltberühmte Strickmaschinenunternehmen 1988 seine Tore schliessen musste.

Vor 50 Jahren: Streik in der Firma Dubied

Fast 120 Jahre lang arbeiteten Tausende in den Fabrikhallen von Dubied und produzierten Strickmaschinen. In den 1970er-Jahren geriet die Firma in die Krise; über 1000 Mitarbeitende verloren ihre Stelle. Als Dubied auch noch den 13. Monatslohn streichen wollte, streikte die Belegschaft vom 9. August bis 6. September 1976. Die Geschäftsleitung blieb hart – doch retten konnte das nichts: 1988 schloss Dubied endgültig.

Ein Genussort für alle

«Mit dem nahen Ende des Unternehmens hatte auch das Hotel immer mehr mit sinkenden Gästezahlen zu kämpfen und schloss schliesslich ebenfalls. Das war unsere Chance», sagt Matthias von Wyss. Nach der turbulenten Anfangszeit vor 40 Jahren, schaffte es der Patron mit einem treuen Team, den Hotelbetrieb auf solide Beine zu stellen. Eine wohlwollende Aktiengesellschaft mit 80 Aktionären, über 30 treuen Mitarbeitende und eine bunte Gästeschar von der Velogruppe über Schulklassen bis hin zu Geniessern, bringt Leben in die nach und nach sanft renovierten Gemäuer. Seit 2014 wird Mathias von Wyss von seinen Töchtern Laure und Andrée von Wyss im Betrieb unterstützt. Sie tragen sein Erbe weiter: «Uns liegt das Team enorm am Herzen, jeder vom Lehrling bis zum langjährigen Koch soll sich hier wohlfühlen. Und wir sind überzeugt: Wenn die Menschen hier gern arbeiten, dann spüren das auch die Gäste.»

Text: Alexandra Rozkosny
Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im September 2026

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