Er macht regelmässig ein Fass auf

Auf den ersten Blick ist es ganz einfach: Aus alten Weinfässern macht Walter Amrhyn Tische. Um diese in der Perfektion hinzubekommen, die er anstrebt, musste er sich zuerst einzigartige Fertigkeiten aneignen. Diese öffnen ihm nun Türen zu ganz neuen Märkten.

Ein heller Pfiff, eine Dampfwolke und ein 47-Jähriger, der über beide Backen grinst wie ein Lausbub. Das erlebt man jedes Mal, bevor Walter Amrhyn in seiner Werkstatt im Jura seine Dampfmaschine öffnet.

Angefangen hat es mit einem Streit. Walters Bruder wollte das alte Weinfass, das im Garten des elterlichen Hofs stand, umplatzieren. Das Fass war mit einem Dach samt Türmchen versehen – die Abschlussarbeit von Walters Zimmermannslehre. «Ich sagte ihm, dass das Fass die Züglete nicht überleben würde, aber er hörte natürlich nicht auf mich», erinnert sich Walter. Das Resultat: «Das Fass war kaputt und ich hässig.» Weil er das schöne, alte Holz nicht wegwerfen wollte und gerade ein Schuhregal brauchte, zimmerte er aus den Fassdauben, die heil geblieben waren, eines zusammen. Und alle, die es später sahen, waren begeistert. Also fing Walter an, weitere Dinge aus Fassdauben herzustellen. Für seinen ersten Tisch scheute er keinen Aufwand. Die Fassdauben behandelte er mit Dampf, um sie wieder geradebiegen und zur Tischplatte zusammenfügen zu können.

Das Projekt in Kürze

  • Schreinerei
  • Photovoltaikanlage
  • Pleigne/JU

Ein Tisch – ein Fass

Bis heute hat Walter bereits über 300 Tische aus alten Fässern produziert. Jeder ein Einzelstück und jeweils nur aus einem einzigen Fass hergestellt – samt Dokumentation, wie alt das Fass war und auf welchem Weingut es gestanden hat. Den Herstellungsprozess hat er im Laufe der Jahre perfektioniert. Herzstück ist die Dampfmaschine, in welcher gebogene Dauben während Stunden aufgeweicht werden, bevor Walter sie in einer speziellen Presse geradebiegt. Dank seiner Neugierde und seines Perfektionismus ist Walter in ganz unterschiedlichen Bereichen zum absoluten Profi geworden. Im Biegen, Leimen und natürlich im Dampfbehandeln. Der Hersteller seiner Dampfmaschine – eine Koryphäe aus Deutschland – hat nach anfänglicher Skepsis inzwischen eine so hohe Meinung vom «gschpinnerten» Schweizer, dass er nicht nur Walters Wunsch nach einer mit Druckluft funktionierenden Pfeife wie bei einer Dampflok nachkam. Heute vertraut er Neuerungen wie eine digitale Steuerung zuallererst ihm an. Zum Testen auf Herz und Nieren, bevor seine anderen Kunden sie kaufen können.

Über die Jahre hinweg wuchs die «Walter’s Wood Idea AG» langsam, aber stetig. Aus Kunden wurden Fans, teils Freunde. Reich ist Walter aber nie geworden mit seinen Tischen, Regalen und Stühlen. «Um den riesigen Aufwand abzugelten, müsste ich für einen Tisch mindestens drei Mal so viel verlangen wie für einen normalen Vollholztisch», sagt er. «Das will ich nicht.» Seine Produkte sollen zwar etwas Besonderes und Wertvolles sein, aber dennoch auch für Normalverdiener erschwinglich bleiben. «Lieber arbeite ich abends noch ein bisschen länger, als irgendwo im Luxussegment zu landen.»

Die Unterstützung

Die Produktion der Fassdaubenmöbel von Walter Amrhyn ist ziemlich energieintensiv. Die von der Schweizer Berghilfe mitfinanzierte Photovoltaikanlage auf dem Dach der Werkstatt im Jura hilft nicht nur, die Betriebskosten zu senken, sie macht Walters Tische nun auch zu 100 Prozent nachhaltig.

So ging es mit dem Kundenstamm und der Anzahl der produzierten Möbel nur langsam nach oben. Umso schneller wuchs das Lager der vielen alten Fässer, die Walter einsammeln konnte. «Je bekannter meine Tische wurden, desto mehr begeisterte Winzer wollten, dass aus ihren Fässern, die teils mehrere hundert Jahre lang ihren Dienst getan hatten, auch so etwas Schönes entsteht.» Mit der Folge, dass die Werkstatt im Luzerner Hinterland genauso überquoll wie die diversen verstreuten Lagerräume, die Walter hinzugemietet hatte. Walter und seine Frau Corinna, die mittlerweile ein wichtiger Teil des Betriebs geworden ist, suchten lange nach einer neuen Lösung in der Nähe. Aber alles war so teuer, dass es die Firma früher oder später in den Ruin getrieben hätte.

Walter erinnert sich: «Wir waren nahe daran, aufzugeben, als Corinna ein Inserat für ein Wohnhaus samt Produktionshalle sah. Allerdings im Jura.» Ohne grosse Hoffnung fuhren die beiden hin. Und verliebten sich sofort in das Haus und die Gegend. Also zogen sie in dieses kleine Dorf, mit viel Holz im Gepäck, den beiden damals fünf und dreijährigen Kindern Carina und Walter, dafür ohne Französischkenntnisse. «Wir haben es keine Sekunde bereut», sagt Corinna. Sie seien herzlich aufgenommen worden in der Dorfgemeinschaft. Walters Französischkenntnisse beschränkten sich zwar weiterhin auf «Bonjour» und «Pinot Noir», witzelt Corinna. Dafür seien die Kinder fast perfekt zweisprachig.

«Stimmt, zum Französischlernen fehlte mir bisher die Zeit», gibt Walter zu. Kein Wunder. Schliesslich experimentiert er seit Jahren neben der zeitintensiven Produktion seiner Tische mit diversen Produkten, bei denen er seine Expertise in der Holzverarbeitung einsetzen kann. Das reicht von gestanzten Küchenbrettern bis zu feinen Gravuren auf Altholz. Aber nichts davon wollte so richtig durchstarten.

Das könnte sich nun ändern. Ein Schweizer Baseballspieler kam auf Walter zu, der einen Baseballschläger aus einheimischem Holz wollte. Er machte sich schlau und fand heraus, dass diese Schläger traditionell gedrechselt werden. Danach werden sie gepresst, um das Holz zu härten und stärkere Schläge zu ermöglichen. Verdichten nennt man diesen Prozess. Walter tüftelte mit seinem Wissen einen neuen Prozess aus und schaffte es, das Holz bereits beim ersten Prototypen zehn Mal mehr zu verdichten als die führenden Hersteller. «Da merkte ich, dass ich etwas Grossem auf der Spur sein könnte.»

Es folgten Tests mit Nationalspielern, verbesserte Formen und Produktionsabläufe. Das Verfahren hat Walter inzwischen patentieren können und die Schweizer Nationalmannschaft spielt mit seinen Schlägern. Alle sind sich einig: Walters Schläger sind um Längen besser als alles andere, was es gibt. Dass künftig die Schläger der amerikanischen Baseballprofis im Jura gefertigt werden, bleibt dennoch unwahrscheinlich. «Ich kann hier keine Produktion für den Weltmarkt aufziehen», sagt Walter. Sein Ziel ist vielmehr, die Lizenz für sein Verfahren einem etablierten Hersteller zur Verfügung zu stellen und es gleichzeitig stetig weiterzuentwickeln. Wenn alles gut geht, sollte bereits die Entwicklung genug Arbeit generieren, um in Pleigne einige neue Stellen zu schaffen. Unterstützung wäre unverzichtbar. Denn allzu viel von Walters Zeit sollen die Baseballschläger nicht einnehmen. «Sie werden immer Mittel zum Zweck bleiben, damit ich weiterhin mein ganzes Herzblut und viel Aufwand in meine Tische stecken kann.»

 wood-idea.ch

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2026

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.