«Es herrscht Aufbruchstimmung»

Der abgebrannte Klosterstall in Disentis ist heute das «Center sursilvan d agricultura». Hier erleben Interessierte das landwirtschaftliche Potenzial der Region.

Nach einem unverschuldeten Brand war der verpachtete Landwirtschaftsbetrieb des Klosters Disentis auf der «Salaplauna», der Ebene an der Lukmanier Pass-Strasse, vor vier Jahren nur noch Schutt und Asche. Mensch und Tier konnten gerettet werden, doch die Zukunft der Milchwirtschaft in einem ganzen Landstrich stand in Frage. In der Not entstand die Idee, mit dem Stallneubau den Grundstein für ein Zentrum zu legen, das die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Tourismus, Gewerbe und Kultur fördert. «Das Center sursilvan d’agricultura (CSA) will die Landwirtschaft dem Publikum öffnen, sie greifbar machen und damit einen Mehrwert für die ganze Region schaffen», erklärt CSA-Vereinspräsident Iso Mazzetta. «Wir setzen auf die Stärken unserer Region und wollen diese Kräfte bündeln.» So dient das CSA als Plattform, über die der Verkauf von biologischen Qualitätsprodukten angekurbelt werden soll, um die Wertschöpfung in der Bergregion zu steigern.

Wichtiges Signal für die ganze Region

Ein 60 Meter langer Besuchersteg, der unter der Stalldecke durch den Raum führt, macht es für Feriengäste, Durchreisende, Schulklassen, Gruppen und Ortsansässige nun möglich, die Berglandwirtschaft zu erleben, ohne dass die Tiere irritiert werden. An den Klosterstall angebaut wurde zudem ein Mehrzweckraum, wo Weiterbildungs- und Informationsveranstaltungen stattfinden. Der Raum kann gemietet werden und verfügt über eine kleine Küche, Garderoben und Toiletten. Hier können auch regionale Spezialitäten direkt an die Kunden verkauft werden. Die Schweizer Berghilfe unterstützte den Wiederaufbau des Klosterstalls mit Besuchersteg und Mehrzweckraum. «Die Realisierung dieses Projekts ist ein wichtiges Signal für die ganze Region», sagt Romano Tomaschett, der als ehrenamtlicher Experte der Berghilfe das Vorhaben begleitet. «Es zeigt, was man erreichen kann, wenn man gemeinsam mutig vorwärts geht.» Der Neubau ist ein Anziehungspunkt nicht nur für Besucher: Direkt neben dem Klosterstall wird seit April eine neue Käserei gebaut, welche die veraltete Einrichtung in Sedrun ersetzt. Hier wird künftig wertvoller Bio-Bergkäse produziert, der in Gewölbekellern aus Ziegelstein reift. «Die neue Käserei ist ein wichtiger Baustein für das Center sursilvan d’agricultura als Drehscheibe für landwirtschaftliche Produktion und Absatz», betont Romano Tomaschett. Dank der neuen Disentiser Käserei können über 60 Bergbauernfamilien weiterhin ihre Bio-Milch verkaufen und ein Auskommen erwirtschaften.

Fakten-Check

Mit Leslie Berger, Projektleiterin Landwirtschaft, Schweizer Berghilfe

Was hat Sie persönlich an diesem Projekt überzeugt?

Leslie Berger: Der gemeinschaftliche Ansatz, der dem Projekt zu Grunde liegt. Das Center Sursilvan d’Agricultura im ehemaligen Klosterstall des Klosters Disentis bündelt nicht nur die Kräfte der Bauern in der Region, sondern fördert darüber hinaus auch die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Gewerbe und Tourismus. Das steigert die Wertschöpfung der Berglandwirtschaft in der Surselva und verschafft ihr grössere Aufmerksamkeit bei der Lokalbevölkerung wie bei Feriengästen.

Welches waren die grössten Hindernisse, welche die Projektträger bei der Umsetzung dieses Projekts überwinden mussten?

Eine Schwierigkeit gleich zu Beginn war, genügend engagierte Leute zu finden, die bereit waren, sich zu einem Verein zusammenzuschliessen und die Trägerschaft für das Zentrum zu übernehmen. Und dann ist es sicherlich immer eine Herausforderung, die Zusammenarbeit und Interessen der verschiedenen Vertreter aus Landwirtschaft, Tourismus und Gewerbe zu koordinieren.

Wie setzte sich die Finanzierung des Projekts zusammen?

  • Eigene Barmittel: 19 Prozent
  • Subventionen: 65 Prozent
  • A-Fond-Perdu-Beiträge Dritter: 6 Prozent
  • Beitrag Schweizer Berghilfe: 10 Prozent

Wurden nach der Realisierung weitere Ausbauschritte unternommen?

Der Besuchersteg und die Multifunktionsräume neben dem Klosterstall, zu deren Finanzierung die Schweizer Berghilfe beigetragen hat, waren einer der Grundpfeiler, um ein vielseitiges Angebot mit Führungen, Kursen und weiteren Aktivitäten zu schaffen.

Erschienen im Juni 2010

Das Projekt in Kürze

  • Disentis/GR