«Früher fand  ich Schafe doof»

«Früher fand ich Schafe doof»

Wollprodukte, Filzkurse und ein Ferienhäuschen, das mit Wolle isoliert ist: Das Wollreich Haslital macht seinem Namen alle Ehre.

Schafe, Schafe und nochmals Schafe. Sie sind der Lebensmittelpunkt von Familie Brog aus Meiringen. Heinz und Ruth erzählen, wie alles angefangen hat und wo es hinführen soll.

Heinz Brog: «Schafe fand ich immer doof. Ich dachte: Die sind dumm, haben ständig Angst, rennen gleich weg, wenn man kommt. Bauer zu sein, hiess für mich, Kühe zu halten. Dann war ich mal mit unserem Jodelclub im Wallis, und einer der Gastgeber zeigte mir seine Schwarznasenschafe. Die waren so ruhig und zutraulich – da habe ich mich fast ein bisschen verliebt. Kurz darauf bekam ich dann zu meinem 30. Geburtstag von Ruth und unseren beiden Kindern zwei solche Schwarznasen geschenkt. Ich hatte Freude daran, hätte aber nie daran gedacht, dass daraus mehr werden könnte als ein Hobby.»

Ruth Brog: «Wir hatten also nun diese Schafe, und irgendwann mussten wir sie scheren. Was machen wir mit der Wolle, fragten wir uns. Viele Schafhalter werfen sie einfach weg, weil sie kaum mehr einen Wert hat. Aber das war mir zu schade. Ich liess die Wolle waschen und karden, also zu einem feinen Vlies verarbeiten. Dann setzte ich mich hin und filzte zum ersten Mal in meinem Leben etwas: einen Hut für Heinz.»

Heinz: «Der Saucheib hat gebissen wie wahnsinnig – wir haben später dann rausgefunden, dass wir die komplett falsche Wolle dafür verwendet haben – aber ich trug ihn ständig. Denn er war 100-prozentig wasserdicht, und er war nicht totzukriegen. Da habe ich so richtig realisiert, was für ein grossartiger Rohstoff die Schafwolle doch ist.»

Das Projekt in Kürze

  • Schafbauern und Wollproduzenten
  • Umbau der Alphütte
  • Schattenhalb/BE

Ruth: «Von da an ging es Schritt für Schritt weiter. Ich machte eine Filzer-Ausbildung, pröbelte viel und fand immer neue Dinge, die man aus Schafwolle machen kann. Die Herde stockten wir kontinuierlich auf, und bald hielten wir nur noch Schafe. Beim Filzen erhielt ich inzwischen Hilfe von einigen befreundeten Frauen, die handgefertigten Produkte verkaufte ich jeweils auf dem Markt. Um die Wolle selbst verarbeiten zu können, schafften wir uns eine Occasions-Kardmaschine an. Heute sind wir mit unserer WollReich GmbH mitten in Meiringen im Gebäude einer ehemaligen Druckerei eingemietet. Unten ist die Wollverarbeitung, oben das Atelier und ein Ladenlokal.

Heinz: «Wir verarbeiten die Wolle unserer eigenen 120 Schafe, kaufen aber auch dazu und verarbeiten Wolle im Auftrag. Die Verkäufe laufen sehr gut. Nicht nur im Laden. Wir liefern viel an verschiedenste Geschäfte und Organisationen. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber jetzt nimmt alles richtig Fahrt auf. Jetzt können wir den treusten unserer langjährigen freiwilligen Helfer endlich einen Lohn bezahlen. Und dann noch einen Gang höher schalten.»

Ruth: «Ein wichtiger Bestandteil unseres Angebots sind die Bettwaren aus Wolle. Matratzenauflagen, Decken und vor allem unsere mit Wollkugeln gefüllten Kissen. Man schläft viel besser als in jedem anderen Bett. Das stimmt wirklich, aber glaubt man mir das einfach so? Nein. Ich möchte auch niemandem etwas aufschwatzen. Die Leute sollen es selbst erfahren. Darum haben wir bisher jeweils eine Bettgarnitur zur Probe rausgegeben. Aber das ist etwas kompliziert. Darum sind wir schon lange auf der Suche nach einer besseren Lösung. Gefunden haben wir sie in unserer alten Alphütte, die wir kaum mehr genutzt haben. Die konnten wir mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe zu einer gemütlichen, kleinen Gästeunterkunft ausbauen. Dort können Interessierte in Schafwolle schlafen. Aber auch die Lampen, die Sitzkissen, die Dekoration und sogar die Isolation der Wände sind aus Schafwolle gefertigt. Sozusagen ein grosses, bewohnbares Schaufenster für unsere Produkte.»

Heinz: «Die Alphütte wird das Geschäft weiter ankurbeln, da bin ich sicher. Unsere Pläne gehen aber noch viel weiter. Bei uns zu Hause im Weiler Geissholz wollen wir all unsere Aktivitäten in einem Woll-Kompetenzzentrum bündeln. Stall, Wollverarbeitung, Atelier, Verkauf und ein Bistro unter einem Dach. Die Besucher sollen von A bis Z erleben können, wie die Produkte entstehen.»

Ruth: «Noch ist das Zukunftsmusik, aber wir sind überzeugt davon, dass wir es schaffen können. Denn: Wir können auf viele motivierte Helfer zählen. Und vor allem: Die ganze Familie ist vom Woll-Virus befallen. Nicht nur Heinz und ich, auch unser 24-jähriger Sohn Patrick und unsere 21-jährige Tochter Jasmin. Alle sind mit Begeisterung dabei und geben alles. Das ist unser grosses Glück. Dass wir eine Leidenschaft teilen können.

wollreich.ch

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im Juni 2016