Goldenes Korn, mit Wasser gemahlen

Sie war eigentlich nur als lebendiges Museum gedacht: Doch die kleine, mit Wasser betriebenen Steinmühle im Tessin produziert eine Polenta, die immer mehr Leuten schmeckt. Das ist ein Glück für Marco Morgantini.

Mit leisem Knirschen beginnt sich der Mühlstein aus Granit zu drehen und sofort erfüllt ein würzig-nussiger Geruch die kleine Mühle in Loco im Onsernonetal. Sie liegt wie angeklebt am steilen Hang, gleich unterhalb der Hauptstrasse. Entlang einer Aussenmauer schiesst Wasser auf ein riesiges Mühlrad.Goldorange Maiskörner rieseln aus einem Trichter ins Loch in der Mitte des Mühlsteins, verschwinden zwischen den beiden Mahlsteinen und erscheinen am Rand als Polenta-Griess. Marco Morgantini verpackt ihn später akkurat in Säcke von je einem halben Kilo. 15 000 Kilo Polenta pro Jahr gehen so durch seine Hände. Als er vor rund 17 Jahren anfing, waren es gerade mal 700 Kilo. Der Mais dafür stammt seit eh und je aus der Magadino-Ebene.

Das Projekt in Kürze

  • Mühle mit Museum
  • Wasserzuleitung
  • Loco/TI

Vom Museum zur Polenta-Produktion

Im ganzen Onsernonetal gibt es noch zwei Steinmühlen, beide werden mit Wasser angetrieben. Anfang der 1990er-Jahre wieder hergestellt, sollten sie als lebendige Museen das Kulturerbe des Tals vermitteln. Der Verein des Mühle-Museums in Loco stellte dafür eigens einen Müller ein, der an den Besuchstagen etwas Mais mahlte. Doch der Müller war schon alt. Das war das Glück von Marco Morgantini. «Ich schaute damals viele Filme über altes Handwerk, das faszinierte mich», sagt der im Onsernone geborene 54-Jährige. «Als die Museumsleitung für den alten Müller eine Nachfolge suchte, be-warb ich mich. Ich bekam die Stelle – schliesslich war ich auch der einzige Bewerber», sagt er und lacht verschmitzt. «Ich bekam eine zweistündige Einführung. Das wars.» Die ersten Jahre hatte er nicht viel zu tun, aber dann begannen Grossverteiler mit wachsendem Erfolg seine Polenta unter dem Label «Slow food» zu verkaufen. Zudem begann Marco spezielle Amaretti zu backen. Seit sieben Jahren ist er Vollzeit beschäftigt.

​Ohne Wasser keine Polenta

Dumm nur, wenn die Mühle plötzlich kein Wasser hat. Doch genau das passierte vergangenen Frühling. Nassschnee zerstörte ein grosses Stück des rund 300 Jahre alten Kanals oberhalb der Mühle. Der Kanalteil war auf einer steilen Steinplatte nur aufgelegt gewesen. Dieses Jahr konnte das fehlende Stück mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe komplett neu aufgebaut werden. Nun schiesst das Wasser wie eh und je unter der Hauptstrasse hindurch Richtung Mühlrad. Und es liegt an Marco Morgantini, wie viel davon er aufs Mühlrad lenkt, um die gelben, goldenen oder manchmal auch dunkelroten Maiskörner zu köstlicher Polenta zu vermahlen.

Mühle und Museum in Loco

Text: Alexandra Rozkosny

Bilder: Alexandra Rozkosny/Yannick Andrea

Erschienen im Mai 2022
Die Unterstützung
Schneemassen zerstörten im Winter 2020 den Zuleitungskanal der alten Mühle im Onsernonetal. Mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe konnte er rasch wieder aufgebaut werden.