Kamine fegen mit Charme und Akkuschrauber

Mit Holz heizen ist seit einigen Jahren wieder im Trend. Für den Tessiner Samuel Bralla ist das ein Glücksfall: Er kann in seiner Kaminfeger-Firma SGIE Spazzacamino sechs Menschen beschäftigen.

Die drei wichtigsten Werkzeuge eines Tessiner Kaminfegers sind: Handy, Akkuschrauber und Freundlichkeit. In dieser Reihenfolge. Die Bürsten nicht eingerechnet. Rund 6000 Kunden führt die Firma von Samuel Bralla in ihrer Kartei. «Etwa 4000 davon besuchen wir mit unseren vier Kaminfegern pro Jahr, das sind bis fünf Kunden pro Tag und Mann», sagt der 47-Jährige. Das klappt auf den gewundenen Tessiner Strassen nur, wenn die Kaminfeger vorwärts kommen. Tagesplan und Staumeldungen erhalten sie darum auf ihr Handy. Oder Zusatzinfos, wenn zum Beispiel die über 90-jährige Bewohnerin das Klingeln der Haustüre nicht hört. Dann ruft der Kaminfeger ein jüngeres Familienmitglied mit Ersatzschlüsseln an.

Das Projekt in Kürze

  • Kaminfeger
  • Umbau eines alten Gebäudes zu Firmensitz
  • Tesserete/TI

Halbe Stunde pro Kamin

Doch meist läuft es reibungslos, wie an diesem kalten Wintermorgen. Ein junger Familienvater öffnet dem Kaminfeger Omar Carbognani die Tür. Der wechselt ein paar nette Worte mit dem Hausbesitzer, breitet vor dem Cheminée in der Stube eine Schmutzdecke aus und stellt sein Werkzeug bereit. «Ein guter Kaminfeger braucht nicht nur handwerkliches Geschick. Die Freude am Kontakt mit Menschen ist zentral», sagt Omar, «denn wer will schon einen Griesgram im Haus? Da würden die Kunden rasch zur Konkurrenz wechseln». Dann schraubt der 41-Jährige den Bürstenkopf an einen Verlängerungsstab. Diesen steckt er auf den Akkuschrauber. Schnell drehend erreicht die Bürste so die hinterste Ecke des Kamins. Russ rieselt in dicken Wolken hinunter und wird vom Staubsauger geschluckt. Würde der Kamin nicht gereinigt, kann sich der abgelagerte Russ entzünden. Eine halbe Stunde später ist das Cheminée blitzblank. Rasch alle Geräte einpacken, letzte Staubreste aufsaugen, und weg ist Omar Carbognani. Auf zur nächsten Kundschaft.

Fitte Waden

Kaminfeger zu sein ist an sich kein leichter Job: Russ aushalten und auf abschüssigen Dächern balancieren gehören zum Grundrepertoire. Doch die Männer von Samuel Bralla im Tessin müssen noch etwas dazu leisten: Wegen der oft steilen, schmalen Gässchen in den Dörfern und der vielen abgelegenen Weiler, die nicht mit dem Lieferwagen befahrbar sind, schleppen die Kaminfeger ihre gesamte Ausrüstung samt Staubsauger oft auf dem Rücken hoch zu den Kunden. «Meine Männer sind alle sehr fit», sagt der Firmenchef – nicht ohne ein Quäntchen Stolz.

Dass Spazzacamino heute so gut läuft, hat viel mit dem Können der Angestellten zu tun. Aber nicht nur. «Lange war ich allein tätig», sagt Samuel Bralla, «denn nach meiner Lehre wurden die Aufträge immer weniger. Die Hausbesitzer wechselten zu Wärmepumpen. In den 2000er-Jahren dachte ich kurz auch ans Aufhören.» Dann kam die Wende, in Häusern wurden vermehrt Pelletöfen und neue Holzheizsysteme eingebaut. Erste Fernwärmeprojekte in der Region starteten. Plötzlich gab es mehr Arbeit, als Samuel allein stemmen konnte. Er stellte einen Mitarbeiter ein, dann noch einen. In den in Tesserete eingemieteten Räumen wurde es eng. Samuel fand ein altes historisches Haus am Ufer des Flusses Capriasca, das er zum neuen Firmensitz umbaute. Anfang November 2025 ist die Firma eingezogen. Dort spendet jetzt ein stattlicher Holzofen wohlige Wärme – ein weiterer Kamin, den es in einem Jahr zu putzen gilt.

Text: Alexandra Rozkosny

Bilder: Yannick Andrea/Alexandra Rozkosny

Erschienen im März 2026

Unsere Unterstützung

Samuel Bralla fand für seine vergrösserte Firma nahe am alten Ort in Tesserete ein renovationsbedürftiges Gebäude. Die Berghilfe unterstützte ihn bei den Baukosten.

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.