Mit einer kleinen Mühle haben sie Grosses vor

Eine kleine Revolution bahnt sich im Toggenburg an: Engagierte Getreidebauern und etliche Helfer errichten in Nesslau in viel Fronarbeit eine eigene Mühle. Anfänglich sollen jährlich rund 200 Tonnen Korn vermahlen werden. So etwas sei in der Ostschweiz die vergangenen 60 Jahren nicht mehr passiert, sagt Müllereitechniker Gabriel Fluri.

Gross und dennoch unscheinbar steht die 100 Jahre alte Scheune am Rande von Nesslau. Darin findet gerade eine kleine Revolution statt. Die Scheune wurde komplett ausgehöhlt, und mit offenen Stockwerken versehen. Hunderte von chromstahlglänzenden Röhren durchziehen den rund 15 Meter hohen Raum und verbinden verschiedene Maschinen. Mitten darin steht Gabriel Fluri. Der Müllereitechniker ist Hauptverantwortlicher für den Aufbau der komplexen Anlage und gerade etwas aufgeregt. Die letzten Tests sind am Laufen.

Das Projekt in Kürze

  • Genossenschaft Alpsteinmühle
  • Neue Getreidemühle
  • Nesslau/SG

Puzzlespiel mit offenem Ausgang

«Eine Kundenmühle wie diese wurde meines Wissens in der Ostschweiz seit mindestens 60 Jahren nicht mehr gebaut», sagt der 29-Jährige. «Die Prozessschritte sind modern wie in den Grossmühlen der Schweiz, aber die Mahlleistung ist viel kleiner. Das war auch eine der Herausforderungen. Wir brauchten für dieses Projekt geeignete, nicht zu grosse Maschinen. Doch die werden kaum mehr hergestellt.» In Österreich wurde man fündig. Vier über 60 Jahre alte Walzstühle, wie die Mahlmaschinen heissen, eine Griessputzmaschine und Kleieschleudern konnte die Genossenschaft «Alpsteinmühle» günstig erwerben, allerdings in dürftigem Zustand. Die Genossenschaft hatten engagierte Bergbäuerinnen und Bergbauern gegründet, um ihr Korn direkt zu verarbeiten und so die Wertschöpfung im Berggebiet zu erhöhen. «Die Walzenstühle kamen auseinandergebaut zu uns. Das war ein Riesenpuzzle am Anfang, um herauszufinden, welche Teile zu welchem Walzenstuhl gehören. Auch die Reihenfolge beim Einbauen mussten wir selbst herausfinden», erklärt Gabriel Fluri. «Es war ein Puzzlespiel mit offenem Ausgang.» Bis vor kurzem war Gabriel Fluri bei der weltweit grössten Firma für Müllereianlagen tätig. Gerade als er sich begann selbständig zu machen, kam die Anfrage der Genossenschaft Alpsteinmühle. «Für mich ist dieser Auftrag ein Glücksfall. Hier kann ich meine mechanischen Kenntnisse mit meiner Erfahrung aus der Müllerei kombinieren.»

Die Unterstützung

Für die Genossenschaft war der Kauf der Anlage ein riesiger Brocken. Die Schweizer Berghilfe half mit beim Kauf wichtiger Maschinen.

Im Auftrag der Bergbauern und Bergbäuerinnen

Der Ursprung des Glücksfalls liegt einige Jahre zurück: Vor bald dreissig Jahren begann im Toggenburg Köbi Knaus, Vizepräsident der Genossenschaft, das erste Getreide anzubauen. Unter dem Verein «Alpsteinkorn» kamen die letzten Jahre immer mehr Anbauer im Berggebiet des Alpsteins hinzu. Mit Erfolg. Doch die Frage, wie das hochwertige Berggetreide auch qualitativ gut weiterverarbeitet werden könne, wurde immer drängender. Da packten einige Toggenburger allen Mut zusammen und lancierten die Idee einer eigenen Mühle. Im Sommer 2023 gründete ein 10-köpfiges Team die Genossenschaft. «Ursprünglich planten wir mit einer kleineren Anlage. Effektiv wird sie etwa sechsmal grösser und braucht etwa 600 m2 Platz. Das zeigt, wie sich das Projekt innerhalb der letzten zwei Jahre weiterentwickelt hat», sagt Michael Lieberherr, Mitinitiant und Präsident der Genossenschaft «Alpsteinmühle». Der Bau lasse sich nur finanzieren, weil sehr viele Freiwillige lackieren, schweissen oder zusammenbauen helfen und grosszügige Spendenbeiträge und Finanzhilfen von Bund und Kantonen eingegangen sind. Auch bei der Standortsuche gab es Unterstützung: Die Gemeinde Nesslau stellte eine grosse, leerstehende Scheune günstig zur Verfügung.

Seit November 2025 laufen die Maschinen

Im November gings dann richtig los: Dann wird die Mühle im Auftrag der Bergbauern arbeiten. «Ob Weizen, oder Roggen: Jeder Bergbauer und jede Bergbäuerin kann sein Korn dann individuell vermahlen lassen», sagt Michael Lieberherr. Dazu werde die Genossenschaft die Produzenten unterstützen, das Bergmehl zu vermarkten. In einer späteren Bauetappe soll unter anderem die Lagerkapazität erhöht und eine Schälmühle installiert werden. Damit können in Zukunft auch Dinkel und evtl. Hafer und Gerste aufbereitet werden. Diese Kornarten müssen nämlich vor dem Mahlen noch geschält werden – anders als Weizen oder Roggen. «Am schönsten wäre es, das hier produzierte Mehl direkt an die regionalen Bäckereien liefern zu können», sagt Michael Lieberherr. Sein zweiter Wunsch ist es, eines Tages Müeslimischungen aus dem lokalen Berggetreide anbieten zu können. Doch bis es so weit ist, werden zuerst etliche Million Körner ihren Weg durch die hunderten Rohre gehen. Und hoffentlich viele neue Berggetreide-Fans gewinnen.

Text und Bilder: Alexandra Rozkosny

Erschienen im Februar 2026
Ein Teil des grossen Teams: Viele Freiwillige halfen mit beim Bau der Anlage.

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.