«Ohne Schneefräse bist du hier verloren»

Manchmal sieht Andreas Schmid nur noch weiss. Dann ist es Zeit für den Wirt im «kleinsten Dorf der Schweiz», die Schneefräse rauszuholen. Der Ersatz der alten Maschine geriet allerdings zum Abenteuer mit vielen Umwegen.

«Ich bin ja jetzt doch schon ein paar Jahre lang Wirt hier im Restaurant ‹Zum Dörfli› in Zumdorf, dem hochoffiziell kleinsten Dorf der Schweiz im Urner Urserntal. Seit ich 23 bin, um genau zu sein. Aber eine so verrückte Zeit wie in den vergangenen Monaten habe ich noch nie erlebt: Erst Lockdown mit Existenzängsten, dann ein Sommer mit guten Umsätzen, aber mörderischen Arbeitstagen, daraufhin die Schliessung im Winter und eine riesige Ungewissheit. Und danach wieder ein Rekordsommer. Völlig verrückt. Planen kannst du in so einer Situation vergessen. Darum ist auch das mit der Schneefräse immer wieder anders gekommen.

Aber der Reihe nach: Zuerst muss man vielleicht sagen, dass eine Schneefräse hier zu den unverzichtbarsten Maschinen überhaupt gehört. Hier, zwischen Hospental und Realp, kann es noch richtig schneien. Manchmal stehe ich am Morgen auf und sehe nur noch weiss. Sogar die Furkapassstrasse war im vergangenen Winter eines Morgens nur noch anhand der Markierungsstecken erkennbar. Und die vielen kleinen Wege zum Restaurant und darum herum waren schon gar nicht mehr zu sehen. Weil es hier fast immer windet und der Schnee verblasen wird, muss man auch räumen, wenn keine Niederschläge fallen. Jeden Tag. Da bist du ohne eine gute Schneefräse aufgeschmissen. Allerdings hatte meine alte schon mehr als 18 Jahre auf dem Buckel und war immer wieder kaputt. Beim letzten Mal gab es für die nötige Reparatur keine Ersatzteile mehr. Also musste dringend ein Ersatz her. Ich machte mich schlau, holte Offerten ein, gleiste ein Leasing auf und bekam auch von der Schweizer Berghilfe die Zusage für einen Beitrag. Alles schien aufzugehen. Doch dann kam im Herbst 2020 die zweite Coronawelle und die Zukunft war völlig ungewiss.

Das Projekt in Kürze

  • Wirt
  • Kauf Schneefräse
  • Zumdorf/UR

Durchhalten dank Wintercampern

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die versprochenen Härtefallgelder endlich ausbezahlt wurden. Wenn die Gebäude nicht mir gehörten und ich Miete zahlen müsste – ich hätte aufgegeben. Aber so blieb mir ja gar nichts anderes übrig als weiterzumachen. Etwas anderes als das Restaurant habe ich nicht. Also bot ich Menüs zum Mitnehmen für die paar Winterwanderer und Langläufer an und richtete einen Winterstellplatz für Campingbusse auf meinen Parkplätzen ein. So kamen immerhin ein paar Fränkli rein.

Aber die Schneefräse konnte ich mit so unsicheren Zukunftsaussichten nicht bestellen. Ausserdem war es von einem Tag auf den anderen unmöglich, als Gastrounternehmen ein Leasing zu erhalten. Den Banken war das Risiko zu gross. Also habe ich viel geschaufelt im letzten Winter. Zeit hatte ich ja. Und fürs Grobe habe ich jeweils einen Bauern aus Realp angeheuert, der mir mit seiner Maschine mindestens den Parkplatz und die Zufahrt freigemacht hat. Irgendwie ging es, aber meine Schultern und mein Genick erinnerten mich jeden Tag daran, dass sie gerne mal eine Pause hätten. Nochmals einen Winter mache ich das so nicht mit.

Zum Glück war nun dieser Sommer einer der besten, die wir hier je hatten. Meine beiden Söhne und ich waren zwar viel am Arbeiten, aber es hat sich gelohnt. Finanziell stehe ich nun wieder ungefähr so da wie vor der Pandemie. Das heisst auch: Ich konnte die Fräse endlich kaufen. Dieses Jahr freue ich mich mal richtig auf den ersten rechten Schnee.»

zumdoerfli.ch

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im November 2021
Die Unterstützung
Die neue Schneefräse wird Andreas Schmid das Leben im Winter deutlich erleichtern. Bei der Anschaffung konnte er auf die Unterstützung der Berghilfe zählen.