Poschiavo packt Digitalisierung am Schopf

Poschiavo packt Digitalisierung am Schopf

Cristina Vecellio führt zusammen mit ihrem Mann Giovanni und ihrem Sohn Enzo die Schreinerei Vecellio Legno in Poschiavo. Um sich für die Digitalisierung zu rüsten, besucht sie die Weiterbildungsreihe «L’Azienda Digitale».

Die lokale Wirtschaft im Val Poschiavo wird dominiert von Klein- und Kleinstunternehmen. Auch vor diesen macht die Digitalisierung nicht Halt. Damit die Gewerbetreibenden im Berggebiet gerüstet sind für die digitalen Entwicklungen, finanziert die Schweizer Berghilfe Inhabern und Mitarbeitenden von Kleinunternehmen 50 Prozent der Kosten von ausgewählten Kursen. Cassiano Luminati, Direktor des Weiterbildungsanbieters Polo Poschiavo, hat diese Gelegenheit genutzt und zusammen mit dem lokalen Gewerbeverband eine italienischsprachige Weiterbildungsreihe zum Thema Digitalisierung auf die Beine gestellt. Cristina Vecellio von der Schreinerei Vecellio Legno ist eine der Kursteilnehmerinnen.

Umgeben von grünen Bergwäldern, durchzogen mit italienischem Flair, das ist die Ortschaft Poschiavo. Hier ist der Sitz von «Vecellio Legno», einer traditionsreichen Schreinerei. Im familiengeführten Kleinunternehmen herrscht schon frühmorgens Hochbetrieb: In der Produktionshalle rattern die Maschinen, Sägespäne fliegen durch die Luft, eine Handvoll Mitarbeitende sind konzentriert am Fräsen, Sägen oder Ausmessen. Über eine hölzerne Treppe gelangt man von der Produktion nach oben in die Büroräumlichkeiten, wo es deutlich ruhiger zu und hergeht. Hier ist das Reich von Cristina Vecellio. Sie führt die Schreinerei gemeinsam mit ihrem Mann Giovanni und ihrem Sohn Enzo, frisch diplomierter Holztechniker. Die beiden beschäftigen ein gutes Dutzend Mitarbeitende und zwei Lernende.

«In den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, Lernende zu finden», sagt Cristina Vecellio. «Wie viele andere Gewerbetreibende in der Region kämpfen auch wir mit der Abwanderung von jungen und qualifizierten Arbeitskräften. Die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, ist eine Chance für uns Unternehmen, attraktiv zu bleiben», sagt sie. Bei Vecellio Legno gibt es diesbezüglich grosses Potenzial. Nicht nur bei der Rechnungsverarbeitung oder dem Erstellen von Tagesrapports, auch vor der Produktion macht die Digitalisierung nicht Halt: Das Programmieren der CNC-Maschine vom Computer aus ist komplex und erfordert Kenntnis. «Momentan nutzen wir mit unserer CNC-Maschine längst nicht alle Möglichkeiten, die sie eigentlich bietet», sagt Cristina Vecellio.

Das Projekt in Kürze

  • Schreinerei
  • Weiterbildung im Bereich Digitalisierung
  • Poschiavo/GR

Die Schreinerei von Vecellios ist nicht das einzige Kleinunternehmen im Tal, das Mühe hat, mit dem schnellen Tempo der Digitalisierung Schritt zu halten. Cassiano Luminati, der Direktor des lokalen Weiterbildungsanbieters Polo Poschiavo, hat dies erkannt: «Das Bedürfnis nach Austausch und Weiterbildung im digitalen Bereich, gerade in italienischer Sprache, ist im Poschiavo gross», sagt er. «Als ich von der Vergünstigungsaktion der Berghilfe erfahren habe, habe ich deshalb gleich damit begonnen, Ideen zu spinnen». Zusammen mit dem lokalen Gewerbeverband hat er die Weiterbildungsreihe «L’Azienda Digitale» aus dem Boden gestampft. Diese richtet sich an Berufsleute aus den unterschiedlichsten Branchen, die sich mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt auseinandersetzen möchten. Dank der Weiterbildung soll es leichter fallen, Prozesse an neue Technologien anzupassen.

L’Azienda Digitale ist von Anfang an auf eine enorme Resonanz gestossen: «Der Raum am Infoabend war voll», sagt Cristina Vecellio. Jüngere und Ältere, querbeet aus den verschiedenen Branchen, sind erschienen. Dass die Schweizer Berghilfe die Hälfte der Kurskosten für Inhaber und Mitarbeitende von Kleinunternehmen übernimmt, hat sicher auch eine Rolle gespielt. «Mit L’Azienda Digitale möchten wir erreichen, dass Akteure verschiedenster Unternehmen miteinander Lösungen erarbeiten», so Luminati. Cristina Vecellio ist überzeugt, dass die Teilnehmer auf diese Weise optimal voneinander profitieren können. «Die geplante Community, die sich auf einer digitalen Plattform austauscht, ist sicher sehr hilfreich. Gerade für uns Ü-50er», lacht sie. Dass man zusammenarbeitet, hat im Poschiavo Tradition. Nicht nur zwischen den verschiedenen Gewerbetreibenden, sondern auch bei den 18 Schreinereien im Tal untereinander. «Konkurrenzdenken gibt es bei uns wenig», sagt Cristina. Wenn beispielsweise ein Auftrag reinkommt, den Vecellio Legno nicht vollständig ausführen kann, setzt die Schreinerei für diesen Teil auf Personalaustausch «Wir unterstützen uns gegenseitig. Das bringt uns und letztlich dem ganzen Tal am meisten», sagt sie.

Text: Anja Hammerich

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2020

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