Schnell gehandelt

Schnell gehandelt

Weil der neue Stall Zeit spart, kann Rosa Enz mehr Trachten nähen.

Im Frühling 2013 stürzte eine Baumaschine in den Pachtstall von Familie Enz. Er wurde so stark beschädigt, dass er abgerissen werden musste. Wohin nun mit dem Vieh? Familie Enz konnte den beim Wohnhaus gelegenen Stall erweitern. Dank der Nähe spart vor allem Rosa Enz viel Zeit und Energie. Diese steckt sie in ihren Nebenerwerb, die Trachtenschneiderei.

«Um eine Obwaldner Sonntagstracht zu schneidern, brauche ich etwa 70 Stunden. Eine einfache Tracht ist vielleicht in 20 bis 30 Stunden fertig. Schön sind sie alle. Die vielen Details anzunähen, wie zum Beispiel die Samtbändeli oder die Spitzen, braucht Zeit. Ich liebe diese Arbeit hier in meinem Schneiderzimmer. Ich arbeite das ganze Jahr hindurch an den Trachten. Momentan habe ich vier Stück gleichzeitig in Arbeit. Vor traditionellen Anlässen, zum Beispiel vor der Älplerchilbi, gibt es mehr zu tun. An diesen Anlässen wollen die Leute natürlich in ihren Trachten glänzen. Dann muss man hier und dort etwas ausbessern oder ersetzen, damit alles wieder schön ist. In Giswil gibt es ein Lädeli, wo ich Stoffe und Zubehör für die Trachten erhalte. Das ist praktisch. Ich bin ursprünglich gelernte Damenschneiderin. Trachtenschneiderinnen wie mich gibt es nicht viele. Ich selber mache es nun schon über 30 Jahre. Vor meiner Zeit gab es im ganzen Kanton nur eine einzige Frau, die Trachten nähte. Heute sind wir immerhin schon vier. Und eine weitere Frau widmet sich ausschliesslich den aufwendigen Stickereien. Das ist ein Beruf für sich. Ich selber trage meine Obwaldner Tracht häufig. Die ganze Familie ist schon seit vielen Jahren Mitglied der Trachtengruppe, wir haben regelmässig Auftritte oder besuchen auch mal andere Trachtengruppen im In- und Ausland. Ich war 16 Jahre lang Kindertanzlehrerin im Verein. Damals nahm ich auch unsere eigenen vier Kinder mit. Sie sind bis heute ebenfalls aktiv in der Trachtengruppe. Ausserdem spielen mein Mann und die Kinder Ländlermusik. Mein Mann Xaver spielt Bassgeige und Handorgel. Unsere Kinder Nadja (26) und Peter (24) hatten kürzlich sogar einen Auftritt im Fernsehen. Aber auch Fränzi (22) und Anita (28) spielen regelmässig. Ich spiele kein Instrument. Mein Talent liegt klar beim Schneidern.

Das Projekt in Kürze

  • Bergbauernfamilie
  • Stallausbau
  • Giswil/OW

Viel Unterstützung im Unglück

Das Trachtenschneidern ist für mich wichtiger Nebenverdienst und schönes Hobby zugleich. Seit Kurzem habe ich etwas mehr Zeit dafür zur Verfügung. Zu verdanken, wenn man das so sagen will, habe ich das einem Bauunglück. Wir hatteneinen Pachtstall weiter unten im Dorf. Dort war jeweils unser Jungvieh untergebracht, 15 Rinder insgesamt. Im Frühling des vergangenen Jahres passierte es: Eine Baumaschine krachte in unseren Stall hinein. Der Stall war nicht mehr zu retten. Zum Glück war damals weder das Vieh im Stall noch irgendein Mensch in der Nähe. So kamen wenigstens keine Lebewesen zu Schaden. Doch wir standen ohne Pachtstall da, der Besitzer wollte keinen neuen bauen. Wir mussten schnell handeln. Denn irgendwo mussten wir die Tiere sowie das Heu und Stroh des kommenden Sommers unterbringen. Zum Glück halfen uns unsere Nachbarn. Fürs Erste konnten wir ihre Ställe mitbenutzen. Natürlich war das nur eine kurzfristige Lösung. Da es keine Möglichkeit gab, erneut einen Stall zu pachten, beschlossen wir, unser Ökonomiegebäude, wenige Schritte vom Wohnhaus entfernt, auszubauen. Wir hofften, dass wir zusätzlich zu unserem ersparten Geld Subventionen erhalten würden, doch wir erhielten nichts. Es hiess, unser Betrieb sei zu klein. Das war ein Schock, denn unser Geld reichte nicht für den Umbau. Da wandten wir uns an die Schweizer Berghilfe. Dort erhielten wir den nötigen letzten Zustupf. Dafür sind wir unglaublich dankbar. Sonst hätten wir den Umbau niemals realisieren können. Alle packten mit an. Mein Mann mit dem Sohn, der in naher Zukunft den Hof übernehmen wird, sowie die beiden Brüder meines Mannes. Der eine ist Schreiner, der andere Metallbauer. Sie konnten uns natürlich sehr gut unterstützen. Kürzlich luden wir alleHelferinnen und Helfer zu einer kleinen Einweihungsfeier ein. Wir waren rund 30 Leute. Ja, ohne Hilfe wäre es nicht gegangen. Und hätten wir nicht umbauen können, hätte wohl auch unser Sohn keine realistische Chance gehabt, den Hof zu übernehmen und weiterzuführen.

Mehr Zeit fürs Schneidern

Der neue Stall ist schön geworden. Hell und modern. Unsere Milchkühe und das Jungvieh haben es gut hier. Im Sommer waren die Tiere auf der Alp, nun sind sie über den Winter alle bei uns. Xaver hat es einfacher mit dem Melken. Wir liefern rund 50 000 Kilogramm Milch in die kleine Käserei im Dorf. Dadurch, dass die Tiere nun alle bei uns in der Nähe sind, ist alles ein bisschen einfacher geworden. Ich habe mich früher um die Jungtiere im Pachtstall gekümmert. Die Zeit, die ich nun gewinne, kommt der Trachtenschneiderei zugute. So wird der nötige finanzielle Zustupf etwas grösser.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im November 2014