Zeit, um Menschen zu fördern

Die Schreinerin Barbara Schranz fand erst einige Jahre nach der Lehre ihre wahre Berufung: Menschen mit Beeinträchtigungen zu fördern. Seit fünf Jahren schafft sie in ihrer Schreinerei den Spagat zwischen Marktwirtschaft und Integrationsarbeit.

«Meine Schreinerei heisst ‹Schreinereiplus›. Das Plus steht für mehr Menschlichkeit, mehr Zeit und Raum für die Eigenheiten der Menschen, die hier arbeiten – und natürlich für unseren Einsatz. Wir alle sind sehr motiviert und voll konzentriert bei der Sache – solange es für jeden von uns möglich ist. In meiner Schreinerei beschäftige ich vier Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie alle könnten im ersten Arbeitsmarkt nicht mithalten. Hier kann ich ihnen ein Umfeld bieten, in dem jeder seine Stärken einbringen kann. Auch an komplexeren Maschinen. Einer meiner Mitarbeiter hat zum Beispiel einen leichten Tremor und könnte ein Werkstück nicht sicher ruhig halten. Also habe ich kleine, passgenaue Schienen gebaut, die ihm als Halter dienen. Damit kann er problemlos millimetergenau arbeiten. Gerade dürfen wir für die neue Trifthütte oberhalb von Innerkirchen alle Lattenroste fertigen, ein toller Auftrag. Wir fertigen auch Untersetzer für Raclette-Pfännchen. Daneben haben wir eine kleine Palette eigener Produkte wie Hocker oder Bienenhäuser.

Das Projekt in Kürze

  • Schreinerei
  • Umbau Gebäude und Bandschleifmaschine
  • Ried b. Frutigen/BE

Schreinerin und Sozialpädagogin

Bis es zu diesem Betrieb gekommen ist, dauerte es fast 30 Jahre. Als einzige Frau weit und breit machte ich in den 1980-Jahren eine Schreinerlehre. Das war zu der Zeit im Berner Oberland noch ungewohnt. Meine Eltern haben mich unterstützt und ermutigt. Nach der Ausbildung arbeitete ich zehn Jahre in einer normalen Schreinerei im Bernbiet. Aber erst nach einem Praktikum in einer geschützten Werkstatt wusste ich, wonach ich gesucht hatte: Zusammen mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu arbeiten, gefiel mir von Anfang an. Die meist direkte, ehrliche Art dieser Menschen und ihr Humor haben mich berührt – und das Thema Integration hat mich begeistert. Ich liess mich zur Sozialpädagogin ausbilden, sammelte Arbeitserfahrungen in geschützten Werkstätten, einmal auch in einem Betrieb mit 30 Angestellten. Da merkte ich: In grossen geschützten Werkstätten arbeiten oft zu viele Menschen. Für viele ist es dort zu laut und zu hektisch.

Die Unterstützung

Bei der Einrichtung der Schreinerei konnte Barbara Schranz auf die Unterstützung der Berghilfe zählen und wichtige Maschinen anschaffen. Darunter auch eine Bandschleifmaschine.

Humor und Wertschätzung

Schon lange trug ich in mir die Vision von einer eigenen, kleinen Schreinerei, wo einige Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten können. Auf einer Wanderung mit einer Freundin war ich auf einmal überzeugt, dass es machbar ist. Ich fasste Mut, startete ein Crowdfunding und schreib ein Gesuch an die Schweizer Berghilfe. Denn die Finanzierung ist bei so einer Art Betrieb zwischen Integration und Privatwirtschaft die grösste Knacknuss. Man fällt durch die üblichen Raster. Im Jahr 2020 startete ich das Projekt. Es lief gut an, doch zwei Mal mussten wir die Schreinerei zügeln, das war enorm kräftezehrend. Dank Unterstützung und einer grossen Portion Glück konnten wir im Mai 2023 hier in Ried bei Frutigen in diese neu eingerichtete Schreinerei einziehen. Im gleichen Gebäude arbeitet mein Bruder in seiner Zimmerei, eine Win-Win-Situation. Er hat für uns die schönen, hellen Räumlichkeiten ausgebaut. Im Team arbeiten wir von Montag bis Donnerstag, am Freitag erledige ich die Büroarbeit. Am Donnerstagnachmittag reinigen wir gemeinsam die ganze Schreinerei. Mir ist wichtig, dass es hier sauber ist – nicht nur wegen des Staubs. Wir wollen auch einen guten Eindruck hinterlassen. Immer mehr Kundinnen und Kunden kommen gerne persönlich vorbei. Die Leute spüren, dass hier etwas Gutes entsteht. Ich glaube, das liegt an unserer offenen und ehrlichen Art, miteinander umzugehen, und daran, dass wir uns gegenseitig wertschätzen.»

Text: Alexandra Rozkosny

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2026

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.