Zurück zum Glück

Zurück zum Glück

Esther Bellwald hat das Genusshotel Nest- und Bietschhorn zu einer Adresse für Feinschmecker gemacht.

Esther Bellwald ist im kleinen Weiler Ried im Lötschental aufgewachsen. Zwischen Küche und Rezeption im Hotel der Eltern. Mit 16 zog es sie raus in die weite Welt. Jetzt ist sie zurück, mitsamt ihrer eigenen Familie und vielen Ideen für das Hotel der Eltern, das sie kürzlich übernommen hat.

«Ich glaube, mir war damals schon klar, dass ich nicht für immer von hier weggehe. Das Lötschental gehört irgendwie einfach zu mir. Auch wenn ich es damals nicht realisiert habe: Meine Kindheit hier im kleinen Weiler Ried unterhalb von Blatten war ziemlich aussergewöhnlich. Meine Eltern hatten in den 80er-Jahren das 150 Jahre alte Hotel Nest- und Bietschhorn mit dem dazugehörigen Restaurant gekauft. Meine jüngere Schwester, mein Bruder und ich wuchsen quasi zwischen Hotelküche, Gästen und Rezeption auf. Inzwischen weiss ich, dass ein solches Leben nicht für alle Kinder etwas ist, aber ich liebte es.

Für mich war deshalb immer klar, dass meine berufliche Zukunft im Gastgewerbe liegt. Mein Ziel war von Anfang an, die Hotelfachschule zu machen. Gleich nach der dritten Sek zog ich weg, nach Saas-Fee in die Kochlehre. Danach wollte ich möglichst viele verschiedene Betriebe sehen. Diese lagen in Graubünden, in Südfrankreich, im Welschland, am Murtensee. In Thun machte ich dazwischen auch tatsächlich die Hotelfachschule. Meinen Mann Laurent lernte ich in einem Betrieb in Lausanne kennen. Er stammt aus Nordfrankreich und war wie ich mitten in seinen Lehr- und Wanderjahren, als wir uns verliebten. Ich habe zwar Köchin gelernt, aber er ist von uns beiden der wirkliche Koch. Voller Leidenschaft und Begeisterung. Er kann auch mitten in der Nacht nach einem ewig langen Arbeitstag noch Kochbücher lesen oder auf Youtube Videos von Köchen aus der ganzen Welt schauen. Und in der Küche ist er sowieso immer am Experimentieren.»

Das Projekt in Kürze

  • Hotelbetrieb
  • Umbau der Hotelzimmer
  • Blatten/VS

«Darum war bei uns die Arbeitsaufteilung auch sofort klar, als wir das erste Mal gemeinsam einen Betrieb übernahmen: Er macht die Küche, ich kümmere mich um die Gäste und die Administration. Wir waren an verschiedenen Orten gemeinsam angestellt, hatten auch schon ein Ausflugsrestaurant in Pacht. Doch das Hotel meiner Eltern war immer im Hinterkopf. Als sie uns dann vor sieben Jahren fragten, ob wir es übernehmen wollten, sagten wir sofort zu. Es war schön, wieder nach Hause zu kommen. Aber auch schwierig. Das Restaurant lief zwar nicht schlecht, und mit Laurent in der Küche konnten wir uns schnell einen Namen machen und eine schöne Stammkundschaft aufbauen. Unsere junge, frische Küche mit lokalen Zutaten kommt an, und kürzlich hat Laurent sogar schon den fünfzehnten Gault-Millau-Punkt bekommen. Aber das Hotel war veraltet und die Zimmer entsprachen mit ihren sehr kleinen Nasszellen und teilweise Etagenduschen nicht mehr den heutigen Komfortansprüchen. Wir gingen verschiedenste Szenarien durch. Überlegten uns sogar, das Hotel zu schliessen und nur das Restaurant weiter zu betreiben. Aber das eine geht nicht ohne das andere. Gerade an einer so dezentralen Lage wie hier im Lötschental ist es wichtig, den Gästen die Möglichkeit zu bieten, nach einem feinen Nachtessen gleich vor Ort übernachten zu können.»

Knacknuss Finanzierung

«Als wir dann Anfang 2017 den Betrieb definitiv von meinen Eltern übernahmen, machten wir Nägel mit Köpfen. Wir wussten: Die Zimmer müssen wir neu machen, und die Küche ebenfalls. Aber die Finanzierung war eine grosse Knacknuss. Auch wenn wir all unser Erspartes zusammenkratzten und alle Hypotheken und Kredite aufnahmen, die wir kriegen konnten, reichte es nicht. Wir nahmen den Rotstift hervor, konnten die Kosten deutlich senken. Doch irgendwann ging nicht mehr. Hotelzimmer kann man nicht halb sanieren. Wenn die Gäste nicht begeistert sind, dann kann man es gleich ganz lassen. Aufatmen konnten wir erst, als die Schweizer Berghilfe ihre Unterstützung zusagte. Dann ging es schnell: Direkt nach der Wintersaison fingen wir mit dem Umbau an, pünktlich auf den Bergsommer waren die Zimmer nach nur 13 Wochen Bauzeit fertig. Aber es wurde eng. Am Tag vor der Eröffnung war das ganze Haus noch voller Bauarbeiter.»

Neue Stellen geschaffen

«Die ersten Reaktionen der Gäste auf die neuen Zimmer fielen sehr gut aus, und die Belegung war vor allem im Herbst hervorragend. Allerdings war auch das Wetter super. Laurent und ich blicken nach dem Umbau zuversichtlich in die Zukunft. Für uns als junge Familie mit den beiden Buben, die nun gleich aufwachsen dürfen wie ich damals. Aber auch für das ganze Lötschental. Die Zusammenarbeit zwischen den Hotels in der von uns mitbegründeten Hotelkooperation «Die Lötschentaler» ist super, wir helfen einander aus, wo wir nur können. Für ein abgelegenes Bergtal wie wir es sind, ist der Tourismus ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig. Ich bin stolz darauf, dass wir hier unseren Beitrag leisten und aufs Jahr verteilt insgesamt 5,5 Vollzeitstellen anbieten können. Nur wenn Arbeitsplätze vorhanden sind, können es unsere Kinder eines Tages gleich machen wie ich und nach ihren Wanderjahren wieder ins Lötschental zurückkehren.»

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im März 2018