«Dann packte mich die Sammelleidenschaft»

Ist es nun ein Automuseum, eine Gerümpelkammer oder doch eine Kunstgalerie? Stéphane Leuba hat im Industriegebiet von St-Sulpice bei Fleurier ein Museum der skurillen Art geschaffen. Über 150 VWs gibt es dort zu sehen. Und es werden laufend mehr.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als ob Béatrice Leuba in ihrer eigenen Garage von einem Auto überrollt worden sei. Sie liegt halb unter der vorderen Stossstange, eingequetscht zwischen Motorhaube und dem Regal an der Wand. Doch das hier ist keine Unfallszene, es ist die Entstehung eines Kunstwerks. Denn Béatrice hat es sich nur bequem gemacht zum Arbeiten. Mit einer Art Klebepinzette nimmt sie geduldig Strassstein um Strassstein aus einem Schälchen und klebt sie auf den vorderen Kotflügel eines Autos. Es ist nicht irgendein Auto – es ist ein VW Käfer. Zwar handelt es sich um einen New Beetle und keines der originalen, luftgekühlten Modelle aus Wolfsburg, aber darüber sehen Béatrice, und vor allem ihr Sohn Stéphane Leuba grosszügig hinweg. Er ist sozusagen der Auftraggeber seiner Mutter. Und kein Purist. Was ihm gefällt und günstig ist, wird mitgenommen. Und landet vielleicht sogar im Museum.

Mehr Geschichten aus dem Val-de-Travers

Die Redaktion der Schweizer Berghilfe berichtet mehrere Tage lang über das Val-de-Travers und seine Eigenheiten.

Keine hochglanzpolierte Schmuckstücke

Volkswrecks nennt der 53-Jährige seine Ausstellung, die samt Bar und Restaurant in St-Sulpice im Val-de-Travers jedes Wochenende für Besucherinnen und Besucher geöffnet ist. Wer dort, versteckt zuhinterst im Industriegebiet, in die riesige Halle, die mal zu einer Zementmine gehörte, eintritt, landet in einer anderen Welt. Gleich im Eingangsbereich stehen und hängen auf drei Etagen VW Käfer, Karmann Ghias, VW-Busse, Buggys und sogar einige Porsches. Also alles, was mehr oder weniger auf dem klassische VW Käfer mit Heckmotor und Luftkühlung basiert. Es handelt sich bei den Autos allerdings nicht um auf Hochglanz polierte Schmuckstücke. Ihr Zustand bewegt sich eher irgendwo zwischen «stark patiniert» und «schrottreif». «Natürlich wäre es schön, all diese Autos zu restaurieren, aber das ist völlig unrealistisch. Dazu fehlt mir das Geld», sagt Stéphane. Dieses Blech-Panoptikum hat bereits seinen ganz besonderen Reiz, gerade, weil man sich eher als Entdecker auf einem Schrottplatz fühlt als wie ein Museumsbesucher. Betritt man nun aber die wirkliche Ausstellung, werden die Sinne nochmals ganz anders gefordert. Auf drei Etagen sind hier unzählige Exponate ausgestellt, die man am besten als «Stillleben mit Auto» beschreiben kann. Eine Halloween-Ecke mit vielen künstlichen Spinnennetzen und einem Skelett im VW, eine Szene im Wald mit vielen ausgestopften Tieren rund um ein paar verrostete Karossen, eine Absinth-Bar in einem VW-Bus, ein Feuerwehreinsatz, und, und, und.

Als Dekoration neben den Autos gibt es dabei unzählige Antiquitäten und Kuriositäten zu entdecken. Weil man bei fast jedem Exponat eine Anekdote zu dessen Entstehung lesen kann, sollte man genügend Zeit mitbringen, wenn man das Museum besucht. Wie viel Zeit Stéphane bereits in sein Hobby gesteckt hat, kann er nicht sagen. Jede freie Minute halt. Jahrelang ist er mehrmals pro Woche mit dem Anhänger irgendwohin gefahren, wo jemand einen alten VW günstig abzugeben oder zu verschenken hatte. Oft in die Deutschschweiz, teils auch bis weit nach Frankreich hinein. «Bezahlt habe ich nie mehr als ein paar hundert Franken», sagt er. Aber viele Leute seien froh gewesen, ihm ihre Schätze zu überlassen. Einen Käfer musste er sogar ausgraben. Nur wenige Kilometer vom Museum entfernt war das, mitten im Wald. Dort stehe seit Jahrzehnten ein verlassener Käfer, wusste ein älterer Mann aus dem Dorf. Er gab Stéphane eine genaue Wegbeschreibung, aber der fand bei mehreren Streifzügen nichts. Er wollte schon fast aufgeben, da fiel ihm eine Reflexion des Sonnenlichts auf. Es stellte sich als die hintere Stossstange eines Käfers heraus – und war das einzige, das von dem Auto noch aus dem Erdreich herausschaute.

So packte ihn die Sammelleidenschaft

Stéphane war nicht immer begeistert von VWs. «Um Autos machte ich mir generell nicht viel, warum sollte es bei alten VWs anders sein», erzählt er. Bis ihn irgendwann mal sein Cousin dazu überredete, an ein VW-Treffen zu gehen. Da verfiel Stéphane dem Charme des Käfers. Er kaufte sich selbst einen und fuhr ihn auch während zehn Jahren. Und irgendwann packte ihn die Sammelleidenschaft.

Er steckte viel Geld und noch mehr Zeit in sein Museum. Lange arbeitete er darauf hin, seinen Job als Rettungssanitäter einmal aufgeben und sich selbst im Museum anstellen zu können. Doch daraus wurde nichts. Auch weil Stéphane vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitt und lange Zeit komplett ausfiel. Auch heute kämpft er noch mit gesundheitlichen Einschränkungen. Immerhin ist er nicht allein. Viele Freunde und seine ganze Familie haben sich in einem Verein zusammengeschlossen, organisieren Führungen, stehen hinter der Bar, kochen bei Firmenanlässen im Museum – oder kleben eben in stundenlanger Handarbeit Strasssteinchen auf einen VW. Inzwischen ist auch Stéphanes Schwester Karin in der Garage eingetroffen und arbeitet an der Verzierung des Dachs weiter. Es wird ein Glamour-Exponat werden. Inklusive rotem Teppich, Discokugel und Scheinwerfer-Spots. Schon bald im Museum zu sehen. Beim Abschied verrät Stéphane dann auch noch, warum er beide Augen zugedrückt hat und diesen New Beetle in sein Museum lässt: «Bei allen anderen meiner Käfer ist das Blech an manchen Stellen so durchgerostet, dass man die Steinchen gar nicht aufkleben könnte.»

 

musee-vw.ch

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im September 2026