Der Hüter vom Creux du Van

Sean Perret hat einen der eindrücklichsten Arbeitsorte im Kanton Neuchâtel. Als Wildhüter und Ranger kümmert er sich um die Natur- und Tierwelt des Creux du Van, einem imposanten Felskessel. Dabei gleicht kein Tag dem anderen.

«Mein Tag beginnt heute mit einer Tour auf den Creux du Van. Der Ort ist speziell. Oben erstreckt sich eine steppenartige Hochebene, aus der ein imposanter, halb offener Kessel herausgeschnitten scheint. Die Felswände dieses Kessels fallen senkrecht bis zu 250 Meter tief. Obwohl die Ebene mit rund 1460 Metern nicht so hoch liegt, gibt es hier eine alpine Tierwelt, wie sie sonst nur im Hochgebirge existiert. Das ist einzigartig im Kanton Neuchâtel. Es leben hier von den grösseren Säugetieren nicht nur Füchse, Dachse und erste Rothirsche, sondern auch Gämsen, Luchse – und rund 30 Steinböcke. Die Steinböcke wurden 1965 angesiedelt und 2005 mit fünf Exemplaren aus dem Wallis nochmals ergänzt. Scheu sind sie nicht. Und wenn sie Ruhe wollen, verziehen sie sich in die steilen Hänge und Wälder des Talkessels.

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Als Ranger erzählen, vermitteln – und manchmal auch büssen

Auf dem Creux du Van bin ich vor allem als Ranger tätig. Meine Aufgabe ist es dann, Interessierten Auskunft über die Tierwelt zu geben und Besucherinnen und Besucher auf die Regeln aufmerksam zu machen. Also, dass man zum Beispiel nicht zelten darf und dass Hunde an der Leine gehen sollen, dass man seinen Müll wieder mitnimmt. Für viele Besuchenden sind die Regeln neu: Denn auf der Hochebene des Creux du Van wurde erst vor etwa drei Jahren eine Art Naturzone eingerichtet, in der die Besucher stärker gelenkt werden. Dazu sind Infotafeln aufgestellt und Seile gespannt, die den erlaubten Wegkorridor anzeigen. So wollen wir erreichen, dass sich die empfindliche Felskante erholen kann. Aber natürlich lieben es die Menschen, näher an die Kante zu gehen, um besser in den tiefen Talkessel hineinzusehen. Dann muss ich sie – wie heute auch – auf den Weg zurückbitten. Wegen des Regens sind heute aber nur wenige Menschen unterwegs, trotzdem treffe ich gleich drei Hundehalter, bei denen ihre Tiere frei herumlaufen. Ich erkläre ihnen geduldig, warum die Hunde an die Leine müssen, alle reagieren sehr verständnisvoll. Ein Paar aus dem kanadischen Ontario kehrt sogar um und holt die Leine im Auto. Ganz selten widersetzt sich jemand, dann kann ich als letztes Mittel eine Busse ausstellen. Mit Konflikten besonnen umgehen bereitet mir aber keine Mühe. Da habe ich in meiner Zeit als Gefängniswärter enorm viel gelernt.

An schönen Tagen komme ich zuweilen mehrere Stunden nicht vom Fleck, weil ich auch Ansprechperson bin für allerlei Fragen der Berggängerinnen und Biker zur Natur und den Tieren auf dem Creux du Van. Als Ranger ist es meine Hauptaufgabe, zwischen den Menschen und der Natur zu vermitteln. Das gefällt mir sehr.

Als Wildhüter Tiere zählen, retten oder manchmal auch erlösen

Am Nachmittag habe ich Pikett-Dienst als Wildhüter. Das bedeutet viele Stunden im Auto sitzen. Ich werde dann im Kanton überall hin gerufen, wo jemand ein Problem mit einem Wildtier hat. Das kann ein Bienenschwarm sein, der sich am falschen Ort niederliess, ein verletzter Rotmilan, den ich in die Vogelauffangstation bringe oder auch ein angefahrenes Reh, das ich erlösen muss. Manchmal passiert stundenlang nichts, manchmal werde ich mitten in der Nacht noch angerufen. Doch die Vielfalt des Jobs ist das wert. Und dass ich so viel draussen in der Natur sein darf. Als Wildhüter muss ich die Wildtiere regelmässig zählen, deren Gesundheit beobachten und Veränderungen notieren. Natürlich erlebe ich da immer wieder spezielle Begegnungen. Die eindrücklichste war eine, die in der Freizeit geschah: Weil meine Kinder noch klein sind, gehe ich manchmal erst abends eine Runde joggen. Ich versuche dabei, die Wildtiere möglichst nicht zu stören. Als ich mit der Stirnlampe um eine Kurve kam, sass da mitten auf dem Weg, wenige Meter entfernt, ein Luchs. Wir schauten uns beide verdutzt an. Dann spazierte der Luchs seelenruhig einige Meter in den Wald hinein, drehte sich um und schaute mir zu, wie ich langsam weiterlief. So nah habe ich die Wildkatze noch nie gesehen. Auch speziell war einmal, dass ich frühmorgens auf dem Creux du Van mitten in den Kuherden Steinböcke äsen sah.

Über Umwege zum Beruf gekommen

In die Berge gehe ich, seit ich denken kann. Zuerst haben mich meine Eltern mitgenommen auf Wanderungen. Mit etwa neun Jahren trat ich dem SAC bei. Ich klettere und gehe auf Skitouren. Nach meiner Lehre als Pfleger arbeitete ich wie erwähnt im Gefängnis. Dabei merkte ich aber, dass mir die Natur einfach zu stark fehlte. Dann konnte ich beim Kanton Neuchâtel ein Praktikum in der Wildhut machen und erste Fachausbildungen absolvieren. Seit drei Jahren habe ich nun das Glück, einen Teil meiner Hobbies zum Beruf machen zu dürfen. Wie viele Kilometer ich seither schon gewandert bin – keine Ahnung.»

Text und Bilder: Alexandra Rozkosny

Erschienen im September 2026