Der mit dem Luchs Verstecken spielt

Mit «Lynx» ist ihm ein veritabler Kino-Hit gelungen. Der Fotograf und Dokumentarfilmer Laurent Geslin treibt sich berufsbedingt viel in den Wäldern des Val-de-Travers herum. Und geht dabei auf Tuchfühlung mit Luchs und Adler.

Langsam dämmert der Morgen. Hell wird es allerdings nicht wirklich, weil sich schwarze Wolkentürme aufbauen. Regen liegt in der Luft. Für Laurent Geslin kein Grund, drinnen zu bleiben. Der Naturfotograf und Dokumentarfilmer ist zügig auf dem Weg den Berg hoch, Wanderstöcke in den Händen und einen Feldstecher um den Hals. Foto- oder Videoausrüstung hat er heute keine dabei. Es geht nur ums Rekognoszieren.

Dabei kennt Laurent die Wälder und Hänge rund ums Val-de-Travers wie seine Westentasche. «Dort, auf der anderen Talseite, habe ich meinen ersten Luchs gesehen», erzählt er. «Und hier, in dieser Felswand, bin ich mehrere Meter abgestürzt, als ich beim Leeren einer Fotofalle nicht aufgepasst habe.»

Mehr Geschichten aus dem Val-de-Travers

Die Redaktion der Schweizer Berghilfe berichtet mehrere Tage lang über das Val-de-Travers und seine Eigenheiten.

Von der Werbung in die Natur

Seit fast 15 Jahren streicht er berufsbedingt im Val-de-Travers über Stock und Stein. Zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung. Dabei fing alles ganz zivilisiert an. Laurent arbeitete als Werbefotograf, meistens im trockenen Studio. Erst daheim in der Bretagne, dann in London, wo es ihn hingezogen hatte, weil er Englisch lernen wollte. Aber sobald die Werbe-Saison vorbei war, zog es ihn in die weite Welt hinaus. Und wenn er schon mal in Namibia oder Australien war, wollte er natürlich auch die lokale Tierwelt ablichten. Dieses Hobby wurde bald zur Leidenschaft, und schliesslich brachte er seinen ersten Bildband mit Tierfotografien heraus. Allerdings nicht vor der Kulisse unberührter Natur, sondern der Grossstadt London. Weil er nicht machen wollte, was alle anderen Fotografen tun, spürte er den versteckt in der Stadt lebenden Tieren nach.  Das Buch war ein Erfolg, und weitere folgten.

Dann lernte er seine heutige Frau, eine Neuenburger Anthropologin kennen, und folgte ihr in die Schweiz an den Neuenburgersee. Weil ihn die Werbung sowieso nicht mehr reizte, nutzte er den Umzug, um sich ganz und gar auf die Tierfotografie konzentrieren. Dass er sich den Luchs vornahm, hatte ähnliche Gründe wie damals beim Buch über die Stadttiere. «Es gab zu dieser Zeit fast keine Bilder von wild lebenden Luchsen in der Schweiz», sagt er. Das hatte seinen Grund. Der Luchs ist ein Tier, das die meisten Menschen nie zu sehen bekommen. Entsprechend herausfordernd war Laurents Projekt. Zuerst arbeitete er ausschliesslich mit Fotofallen, die er an besonders unzugänglichen Stellen versteckte. Daraus entstand ein erster Bildband, aber auch die Lust nach mehr. Der heute 54-Jährige fing an, sich stunden- und manchmal gar tagelang zu verstecken, um den Luchs beobachten und fotografieren zu können. Und irgendwann kam dann auch das Medium Film dazu. Vier Jahre sammelte Laurent Material für seinen Kinofilm. Und nebenbei unvergessliche Erlebnisse. Einmal liess ihn ein Luchs ganz nahe an sich herankommen und machte schliesslich sogar ein Nickerchen im Beisein des Filmemachers. Ein andermal jagte ihm eine Wildschweinfamilie einen gehörigen Schrecken ein, weil seine Tarnung so gut war, dass ihn die Schweine erst im allerletzten Moment entdeckten.

Laurent Geslins Film über den Luchs im Jurabogen

Nächstes Projekt: der Steinadler

Der Erfolg seines Films «Lynx» ermöglichte es Laurent, ein ebenso langwieriges Nachfolgeprojekt anzupacken. Diesmal ist der Hauptdarsteller der Steinadler. Und der ist noch geheimnisvoller als der Luchs. Zwar kann man ihn relativ häufig im Flug sehen, doch ihn in spannenden Situationen wie der Körperpflege, der Interaktion mit Artgenossen, der Paarung oder der Aufzucht von Jungtieren zu beobachten, ist bisher kaum einem Filmemacher gelungen. Schon gar nicht im Jurabogen.

Bereits nächstes Jahr soll der neue Film ins Kino kommen. Noch fehlen Laurent wichtige Szenen. Darum fährt er nicht nach Hause nach seiner frühmorgentlichen Rekognoszierungstour, sondern zu einem anderen Parkplatz im Wald. Dann packt er seine Ausrüstung und versteckt sich in seinem geheimen Unterstand in der Nähe eines Baumes, auf dem ein Steinadler regelmässig Pause macht. Der Lieblingsast des Adlers ist dabei immer fest im Fokus, der Finger zumindest in der Nähe des Auslösers. Und dann heisst es still sein und warten. Stundenlang. Oft vergebens. Aber wenn der Adler kommt und auf seinem Lieblingsast landet, dann ist Laurent bereit. Und der Film ein Stück näher an seiner Fertigstellung.

https://www.instagram.com/laurentgeslynx/

Text: Max Hugelshofer

Bilder: Max Hugelshofer, Laurent Geslin

Erschienen im September 2026