Von der Bieretikette zur Marke für eine ganze Region

Das braune B und das gelbe E auf den Bierflaschen kennt man mittlerweile in der ganzen Schweiz. Doch Bun Tschlin ist mehr als eine Brauerei. Die Marke für das ganze Dorf entworfen hat vor fast 20 Jahren der Grafiker Erik Süsskind.

So konsequent wie Tschlin hat wohl noch selten ein Dorf auf ein einheitliches Designkonzept seiner Produkte gesetzt. Die Kombination aus einem braunen und einem bunten Buchstaben, kombiniert mit der Marke «Bun Tschlin» prangt auf Eierkartons, auf der Fassade des Dorfladens oder auf den Lieferwagen einer grossen Schreinerei. Fast 30 Produzentinnen und Dienstleister in Tschlin sowie den umliegenden Dörfern Martina, Strada, Vnà und Ramosch teilen sich den gemeinsamen Auftritt. «Alle ziehen an einem Strick und profitieren voneinander», sagt Martina Hänzi, welche von Scuol aus die Marketing-Aktivitäten des Vereins koordiniert.

An dieser Erfolgsgeschichte haben die vielen lokalen Akteure, die sich vor fast 20 Jahren zusammengetan haben, natürlich den grössten Anteil. Es gibt aber auch einen Auswärtigen, ohne dessen Ideen Bun Tschlin heute nicht das wäre, was es ist: der Grafiker Erik Süsskind. Besuch in dessen Atelier in Chur: Obschon der Auftrag schon seit vielen Jahren abgeschlossen ist, hat Erik Süsskind noch einen ganzen Stapel an Prospekten, Etiketten, Flyern oder Bierdeckeln im charakteristischen Bun-Tschlin-Design gefunden. Denn ein ganz alltäglicher Auftrag war Bun Tschlin für ihn nie.

Mehr geliefert als bestellt

Vermittelt bekam er ihn vor knapp 20 Jahren vom Unterengadiner Künstler Not Vital. Der wurde vom damaligen Tschliner Gemeindeschreiber angefragt, ob er nicht eine Etikette für das geplante Tschliner Bier kreieren würde. Das war dem Bildhauer und Maler dann doch etwas zu kommerziell, und er empfahl seinen Bekannten Erik Süsskind. Dieser entwarf wie bestellt eine Etikette für das neue Bier – ging aber ungefragt noch viel weiter. «Ich sah die Chance, das ganze Dorf bekannt zu machen und nicht nur die Brauerei», sagt er. Also kreierte er ein für damalige Verhältnisse sehr mutiges Design, das allen Produzenten aus Tschlin zur Verfügung stehen sollte. «Nach der Präsentation in Tschlin dachte ich, ich sei zu weit gegangen», erinnert sich der Grafiker. «Die Reaktionen waren eher verhalten.» Doch ein paar Tage später kam der Anruf: «So machen wir es.»

Der Rest ist Geschichte. Das Bier verkaufte sich deutlich besser als erwartet, der Export ins Unterland stieg und stieg. Und mit ihm auch die Bekanntheit des braunen B und des gelben E, die übrigens für «Biera Engiadinaisa» stehen. Gleichzeitig schlossen sich Bun Tschlin immer mehr kleine und mittelgrosse Betriebe an und sorgten für neue Variationen des Logos. Doch damit hatte Erik Süsskind schon nichts mehr zu tun. «Sinn der Übung war ja, Wertschöpfung nach Tschlin zu bringen», sagt er. «Darum gehörte es von Anfang an zum Konzept, dass die Anpassung und Weiterentwicklung des Erscheinungsbilds möglichst rasch an lokale Grafiker übergeben werden soll.» Dass dies so gut geklappt hat, freut ihn. Und natürlich auch, dass sein Design heute noch mehr oder weniger unverändert diverse Produkte ziert und in Tschlin und den umliegenden Dörfern das Ortsbild prägt.

buntschlin.ch

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im September 2022
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