Hier entstehen Kunstwerke für ans Handgelenk

200 000 Franken für eine Armbanduhr? Das finden so viele Menschen auf der ganzen Welt angemessen, dass das Atélier Voutilainen mit Produzieren nicht nachkommt und momentan keine Bestellungen annimmt. Es ist allerdings nicht der Luxus, der den Firmengründer Kari Voutilainen fasziniert, sondern die handwerkliche Präzision und das Savoir-faire.

Die Uhr an seinem Handgelenk hat mehr Wert als ein Luxusauto, aber eigentlich wirkt Kari Voutilainen eher wie ein Künstler oder Handwerker denn wie ein Luxusgüter-Produzent. Eher klein und dünn, mit Glatze und im weiten, blauen Hemd würde er nicht unbedingt ins Casino von Monte Carlo passen. Dafür perfekt an sein mit Werkzeug, Kästchen und Dosen vollgestelltes Stehpult in seinem Atelier mit der grandiosen Aussicht über Fleurier. Nicht nur wegen der Uhrmacherlupe, die er immer um den Hals trägt.

Kari Voutilainen war schon als Kind von Uhren fasziniert. Allerdings waren in seiner Heimat Finnland die Möglichkeiten, in diesem Bereich beruflich Fuss zu fassen, eher bescheiden. Davon liess sich der junge Kari nicht beirren. Er ergatterte einen der wenigen Ausbildungsplätze im Land und konnte kurz darauf ein kleines Uhrengeschäft übernehmen. Dort war das Hauptgeschäft aber der Verkauf, nur kleine Reparaturen wurden angeboten. Doch genau das interessierte Kari Voutilainen: das Innenleben von Uhren, je komplexer, desto besser. Da kam ihm einige Jahre später das Angebot eines Schweizer Uhrenfabrikanten, dessen Produkte er verkaufte, gerade richtig: Ob er nicht in der Schweiz einen Kurs absolvieren wolle, um die Produkte besser verstehen und fachmännisch reparieren zu können? Er wollte, und bald darauf sass er mit weiteren Uhrenverkäufern aus der ganzen Welt in einem Schulzimmer von Wostep, einer Uhrmacherschule in Neuchâtel. Was er dort lernte, begeisterte ihn so sehr, dass er gleich die nächste Weiterbildung anhängte. Und dann noch mal eine. Und schliesslich seinen Laden in Finnland schloss und in der Schweiz blieb. Er arbeitete erst bei einer kleinen Uhrmacherfirma im Val de Travers, fing aber schon bald an, eigene Uhren zu kreieren. Sein Leitmotiv dabei war schon von Anfang an: Keine Kompromisse und ausschliesslich Handarbeit. «Mein Anspruch ist es, die komplexesten und ausgetüfteltsten Armbanduhren überhaupt herzustellen», sagt er. Rein mechanisch können sie zum Beispiel einen ewigen Kalender anzeigen, die Mondphasen oder auf Knopfdruck die Zeit in ganz verschiedenen Zeitzonen. «Klar verwenden wir dazu auch edle und teure Materialien. Aber mir geht es nicht um den Luxus, sondern um das handwerkliche Können.»

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Zehn Jahre Wartefrist

Kari Voutilainen entwickelt alle neuen Modelle selbst. Von der Mechanik bis zum Design. Bei letzterem redet auch die Kundschaft ein Wort mit. Denn eine Uhr in dieser Preislage kommt natürlich nicht von der Stange. Jeden Wunsch setzen der Patron und seine rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber nicht um. «Wenn ich etwas zu protzig finde, oder es mir sonst überhaupt nicht gefällt, dann wird es nicht gemacht.»

Kari Voutilainen kann es sich leisten, etwas wählerisch zu sein. Seine Uhren verkaufen sich trotz, oder gerade wegen, des hohen Preises ausgezeichnet. Im Moment werden gar keine neuen Aufträge angenommen, bis die Wartezeiten, die momentan etwa zehn Jahre betragen, wieder etwas gesunken sind. Werbung oder Marketing macht Kari sowieso nicht.

Was Voutilainen-Uhren nebst ihrer Komplexität auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie zu fast 100 Prozent in der eigenen Manufaktur entstehen. Nur zwei spezielle Federn werden eingekauft, ausserdem geschliffene Edelsteine. Alles andere entsteht im Val de Travers, in drei verschiedenen kleinen Ateliers. Jedes winzig kleine Zahnrad, auch das Gehäuse, das Zifferblatt und die Lederarmbänder. Die Kundschaft kommt aus der ganzen Welt. «Ich habe ich schon viele spannende Begegnungen gehabt», sagt Kari Voutilainen. Viele Kunden reisen sogar extra nach Fleurier, um ihrer Uhr beim Entstehen zuzuschauen. Probleme, die Manufaktur zu finden, sollten sie dabei keine haben. Das ehemalige Ausflugsrestaurant «Chapeau Napoleon», in dem die Werkstatt untergebracht ist, thront unübersehbar über Fleurier. So kennt jeder im Tal den Namen Voutilainen. Auch wenn die wenigsten je eine seiner Uhren am Handgelenk tragen werden.

voutilainen.ch

Text und Bilder: Max Hugelshofer

Erschienen im September 2026
Kari Voutilainen ist fasziniert von möglichst komplizierten mechanischen Uhren.
Kari Voutilainen ist fasziniert von möglichst komplizierten mechanischen Uhren.