«Plötzlich testete ich Spieler wie Bregy und Sutter auf ihre Kondition»

Er ist leidenschaftlicher Triathlet, war einst Hirte und erfand das erste Pulsmessgerät mit Aufzeichnung: Jean-Pierre Baumanns Entwicklungen prägen die Sportwelt bis heute. Mit seiner Firma Freelap produziert der 69-jährige präzise Zeitmessgeräte für Sportclubs in der ganzen Welt. Getüftelt und gewerkelt wird in der Werkstatt in Fleurier.

Vor einer ehemaligen Uhrenfabrik in Fleurier im Val-de-Travers blüht ein kleines Gärtchen. Darin kriechen gemächlich fünf Schildkröten vor sich hin. Wie aus dem Nichts erklingt plötzlich eine Stimme aus einem kleinen Lautsprecher: «Set», gefolgt von einem leisen Knall. Es ist ein Zeitmessgerät von Freelap. «Das Gerät verscheucht die Krähen. Eine hat vor Kurzem eine Schildkröte angegriffen», sagt Jean-Pierre Baumann.

Normalerweise kommen seine Geräte aber an anderen Orten zum Einsatz, nämlich auf Trainingsplätzen von Sportclubs weltweit. Mehrheitlich in der Leichtathletik, aber zum Beispiel auch beim Mountainbiken, Skifahren oder Schwimmen. Mit Freelap produziert Jean-Pierre präzise Zeitmessgeräte zu erschwinglichen Preisen. «Es gibt viele andere Anbieter von Zeitmessgeräten auf dem Markt. Aber die meisten davon sind sehr teuer. Unsere sind vergleichsweise günstig, damit sich auch kleinere Sportclubs ein Zeitmesssystem leisten können», erklärt Jean-Pierre. Entwickelt und produziert wird fast alles in Fleurier. In einer ehemaligen Uhrenfabrik, wo auch die bekannte finnische Sportuhrenmarke Polar ein Teil ihrer Büros hat. Dass Polar überhaupt in Fleurier einen Ableger hat, ist auf Jean-Pierres Kappe gewachsen. Seine Erfindung des ersten Pulsmessgeräts mit Aufzeichnung hat die grosse Uhrenmarke ins Val-de-Travers gelockt, und führte später zur Gründung von Freelap.

Pläne für Prototyp beim Hirten

Als junger Erwachsener Anfang 20 waren die sportlichen Leistungen von Jean-Pierre eher durchschnittlich. «Damals war ich Mitglied im Leichtathletikclub CEP Cortaillod. Beim Auswahlverfahren lief ich in zwölf Minuten 1800 Meter. Das war nicht besonders gut», lacht Jean-Pierre. Sein damaliger Trainer weckte aber die Leidenschaft für den Sport in ihm, und zwei Jahre später lief er die doppelte Strecke in derselben Zeit. Eines fiel ihm bei seinen Trainingskollegen schnell auf: «Alle hielten sich beim Trainieren immer wieder den Finger an den Hals. So haben sie ihre Herzschläge gemessen». Für den gelernten Elektroingenieur wurde dann schnell klar, dass das auch ein Gerät übernehmen könnte. Er fing an zu tüfteln und entwarf auf der Waadtländer Alp Solalex, wo er drei Sommer hintereinander als Hirte arbeitete, die ersten Pläne für einen Herzfrequenzmesser. Der erste Prototyp entstand 1983. Es war weltweit der erste Herzfrequenzmesser mit Aufzeichnung.

Freelap gewinnt den Prix Montagne 2026

Jean-Pierre Baumann und sein Team räumten am diesjährigen Prix Montagne ab. Sie überzeugten die siebenköpfige Jury unter der Leitung von Olympiasieger Dario Cologna am meisten und holten den begehrten Preis ins Val-de-Travers.

Getestet von Schweizer Nati-Legenden wie Sutter und Bregy

«Das erste Gerät hatte drei Clips für ans Ohr. Das war aber nicht optimal, weil die Clips beim Bewegen ständig verrutschten», erzählt Jean-Pierre. Wenig später entwickelte er einen zweiten Herzfrequenzmesser, dieses Mal aber mit drei Elektroden, die auf die Brust geklebt wurden. Das erzeugte Aufmerksamkeit in der Sportwelt. «Plötzlich stand ich mit den Fussballern der Schweizer Nationalmannschaft auf dem Platz und testete Spieler wie Alain Sutter und Georges Bregy mit meinem Herzfrequenzmesser auf ihre Kondition», sagt Jean-Pierre. Für die Vermarktung seiner Produkte holte er in dieser Zeit seinen Jugendfreund Jacques Haldi ins Boot. Gemeinsam gründeten sie die Baumann & Haldi SA. Doch der richtige Durchbruch wollte zuerst nicht so recht klappen: «Es war harzig, finanziell waren wir immer am Limit», sagt Jean-Pierre. Schliesslich gelang es ihnen, mit Geld von Investoren neue Herzfrequenzmesser auf den Markt zu bringen, unter anderem für den Reit- und Schwimmsport.

Anruf von Polar

Auch im Radsport kamen die Geräte von Jean-Pierre vermehrt zum Einsatz. Ein Athlet, der regelmässig den Herzfrequenzmesser von Jean-Pierre nutzte, war der damalige Schweizer Profi-Radrennfahrer Tony Rominger. «Tony trainierte regelmässig mit meinen Geräten. Und als er 1994 einen neuen Stundenweltrekord mit meinem Herzfrequenzmesser aufstellte, gab uns das einen regelrechten Schub». Jean-Pierre und sein Geschäftspartner präsentierten kurz darauf ihre Produkte an einer Messe in München, direkt neben dem Stand von Polar. «Im Gegensatz zu Polar wurden wir überrannt. Ich denke, das hat denen wohl nicht allzu sehr gefallen», schmunzelt Jean-Pierre. Kurze Zeit später kam tatsächlich der Anruf. Polar sei interessiert an ihren Produkten, und sogar an der Firma. «Für uns war das der richtige Zeitpunkt, um unsere Firma zu verkaufen», sagt Jean-Pierre. «Aber eine Bedingung war, dass Polar einen Ableger in Fleurier einrichten muss».

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Vom Herz- zum Zeitmesser

Nach der Firmenübernahme arbeitete Jean-Pierre noch rund sieben Jahre für Polar in Fleurier. Danach packte ihn wieder der Tüftlergeist. «Ich merkte, dass ich wieder an meinen eigenen Ideen herumexperimentieren und diese realisieren möchte», sagt Jean-Pierre. So kam es, dass er im Jahr 2002 die Firma Freelap gründete. Zusammen mit seinen sieben Angestellten werden auch heute noch alle Geräte in Fleurier entwickelt und zusammengebaut. Zum Einsatz kommen sie bei Sportlerinnen und Sportler auf der ganzen Welt, und wenn es sein muss, auch im eigenen Garten – als Vogelscheuche.

Text und Bilder: Lukas Ziegler

Erschienen im September 2026