«Wir sind alles Hallelujah-Menschen»

Erfrischend unkonventionell verkündet Ugonna Vitus Nwosu die frohe Botschaft im Goms. Der junge Pfarrer aus Nigeria setzt sich dafür ein, dass in den Kirchgemeinden von Binn, Ernen und Lax mehr diskutiert und gelacht wird.

Für mehr Leben in der Kirche

«Nicht umsonst heisst es ‹die Messe feiern›, schliesslich haben wir nicht jeden Sonntag eine Beerdigung zu vollziehen. Im Gegenteil geht es bei meinen Messen mehr um «Hallelujah», die Lobpreisung auf das geschenkte Leben und auf den Neubeginn. In meinem Heimatbistum Nsukka in Nigeria, wo ich auch das Priesterseminar besucht habe, sind die Gottesdienste viel partizipativer, die Leute tanzen und singen laut mit. Diese Lebendigkeit versuche ich in der Kirche hier umzusetzen. Keine leichte Aufgabe, hier wo die Menschen den Kirchenbesuch eher mit Andacht und Beichte verbinden.

Als ich im Sommer 2018 in Ernen ankam, war ich erst einmal überwältigt von der Natur hier. Ich hatte keine konkrete Vorstellung von der Schweiz. Doch diese Berge, das Grün und die frische Luft waren wohl genau, was ich nach dem Abschluss meiner Masterarbeit in Bologna gebraucht hatte. Dabei bin ich eher durch Zufall hier gelandet. Ich wollte den Sommer für eine Ferienvertretung nutzen und hörte mich im Bistum um. Da hiess es, in Ernen würde ein Hilfspfarrer gesucht, weil Pfarrer Raphael Kronig schwer erkrankte. Kurzerhand reiste ich in die Schweiz und blieb.

Was mir neben der atemberaubenden Natur auffiel, war die Offenheit und Herzlichkeit der Leute in Ernen. Mit einer grossen Selbstverständlichkeit wurde ich in der Gemeinde als Pfarrer Vitus aufgenommen. Mich mit anderen zu verbinden, fällt mir grundsätzlich leicht. Ich bin ein einfacher Mensch und das Reisen gewohnt. Zudem ist es mir wichtig, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen – nicht nur in der Kirche, sondern auch im Dorf, im Restaurant oder auf dem Fussballplatz. Beim FC Ernen, wo ich wöchentlich trainiere, zählen alle Spieler gleich und auch der Pfarrer wird nicht geschont. Berührungsängste wären fehl am Platz.

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Andere Zeiten, andere Aufgaben

Heutzutage kann man als Pfarrer nicht mehr nur in der Kirche hocken und warten, bis die Leute einen aufsuchen und um Rat bitten. Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen sind mobiler, vernetzter und mit anderen Herausforderungen konfrontiert als noch vor 20 Jahren. Auch die Rolle des Pfarrers ist eine andere. Natürlich habe ich immer ein offenes Ohr für die Fragen und Sorgen der Menschen, doch klassische Seelsorge-Gespräche führe ich nur wenige. Stattdessen versuche ich, Themen, die die Menschen bewegen, zusammen mit Gedanken und Erfahrungen, die ich während der Woche sammle in meine sonntäglichen Predigten einzubauen. Und so der Gemeinde etwas zurückzugeben.

Wie viele Kirchgemeinden haben auch wir mit schwindenden Mitgliederzahlen zu kämpfen. Deshalb bin ich daran, verschiedene Formate zu entwickeln. Wie etwa Gottesdienste mit Gospel-Bands oder Chören, oder offene Glaubensabende, an denen alle grossen und kleineren Fragen diskutiert werden dürfen. Es gibt viele Menschen, die kritisch zur Institution Kirche eingestellt sind, auch sie möchte ich abholen. Ich möchte einen Rahmen schaffen, in dem jede Sichtweise Platz hat und niemand verurteilt wird. Wie in einer Familie darf man auch in der Kirche mal anderer Meinung sein.

Auch wenn der Begriff ‹Zuhause› für mich eher an eine innere Zufriedenheit als an einen Ort geknüpft ist, habe ich meine Wurzeln nicht vergessen. Nigerias Zukunft liegt mir sehr am Herzen. Seit mehreren Jahren stecke ich all mein Erspartes in verschiedene Bildungsprojekte. Mein Traum ist es, eine Schule zu errichten, die von Schülerinnen und Schülern aus allen Gesellschaftsschichten besucht wird. Dabei sollen die Plätze für Kinder minderbemittelter Familien von den wohlhabenderen Familien subventioniert werden. So könnte ich einen Teil des Glücks, das ich in meinem Leben erfuhr, weitergeben.»

Text und Bild: Sarah Eicher

Erschienen im September 2021