Alles dreht sich um einen Golfball
Mazlas heisst der traditionelle Ramoscher Frühlingsanlass. Es ist eine Art Mischung zwischen Golf und Hornussen, und vor allem von den Männern im Dorf lässt sich das Turnier kaum einer entgehen.
Mazlas heisst der traditionelle Ramoscher Frühlingsanlass. Es ist eine Art Mischung zwischen Golf und Hornussen, und vor allem von den Männern im Dorf lässt sich das Turnier kaum einer entgehen.
Ein konzentrierter Blick in die Ferne, ein Schritt nach vorn. Dann holt Chasper Luzzi aus, wirft den knallgelben Golfball leicht in die Luft und lässt seine Mazla sausen. Es folgt ein lautes Knallen und der Ball fliegt davon. «Bella» tönt es vielstimmig von den umstehenden Mitspielern, während alle versuchen, der Flugbahn des Balls mit den Augen zu folgen.
Mazlas wird manchmal auch als «Alpengolf» bezeichnet. Der Ramoscher Brauch findet jeweils im Frühling statt, wenn die Wiesen schneefrei sind, das Gras aber noch nicht gewachsen ist. Dann holen die Männer und einige Frauen des Dorfes ihre Mazlas aus dem Schrank. Das sind rechteckige Holzstücke, die vorne auf elastische Stangen montiert sind und ein bisschen an die Stecken beim Hornussen erinnern. Das Ziel ist, einen Golfball mit möglichst wenigen Schlägen über einen gut vier Kilometer langen Parcours auf den Wiesen unterhalb des Dorfes zu treiben. Der Gewinner wird auf dem Wanderpokal verewigt.
Einer, der seinen Namen schon mehrfach auf den Pokal schreiben konnte, ist Franco Mayer. Wie die meisten hier im Dorf lässt er sich den Anlass, der schon seit Menschengedenken zu Ramosch gehört, wenn irgendwie möglich nicht entgehen. Andere Verpflichtungen oder Ferien plant er darum herum. «Es geht nicht todernst zu, aber natürlich möchte ich heute nochmals gewinnen», sagt er. Allerdings läuft es dieses Mal nicht ganz wunschgemäss. Nach dem dritten Sägemehlkreis liegt er schon ein paar Schläge zurück.
Am Tag zuvor herrscht am frühen Abend grosser Andrang in der Butia. Die «Giuventüna», also die Jugend des Dorfes, hat sich draussen auf dem Parkplatz versammelt. Diesem Verein kann jeder beitreten, sobald er oder die die Schule beendet hat, und theoretisch bis zur eigenen Hochzeit Mitglied sein. Er ist traditionell für die Organisation der Mazlas verantwortlich. Dazu gehört eine Festwirtschaft, und die Zutaten dafür holen sich die Jungen im Dorfladen. «Das war schon immer so, und ich finde das auch gut», sagt Michelle Nef. «Die Butia ist so wichtig fürs Dorf, da ist es doch logisch, dass man dort einkauft.»
Am Nachmittag hatte Wanda Hopman bereits alles Bestellte gescannt, eine Rechnung geschrieben und die Waren auf Rollpaletten bereitgelegt. Jetzt verladen fleissige Hände Bierkartons, Käse, Abfallsäcke und Colaflaschen auf Ladeflächen von Pick-Ups und in Kofferräume. Auch Festbänke und die vielen Bestandteile eines Festzelts, die unterhalb der Butia in einem Luftschutzkeller gelagert sind, müssen mit zum Festgelände unterhalb des Dorfes.
Die Vorbereitungen wirken zwischenzeitlich etwas chaotisch, scheinen aber viel Spass zu machen. Und ein paar Stunden später steht das Zelt tatsächlich, die mobilen Kühlschränke sind gefüllt, alles ist parat. Auch Raffael Felix und Jan Neuhaus sind zurück auf dem Festplatz. Sie hatten zuvor den Parcours markiert. Mit Sägemehl zeichneten sie Linien für den Abschlag und grosse Kreise als Ziele auf die Wiesen. «Der Parcours ist jedes Jahr genau gleich», sagt Raffael. «Dennoch sind die Markierungen wichtig. Manchmal geht es um Millimeter.»
Und manchmal geht es auch einfach nur darum, den verflixt kleinen Ball überhaupt zu treffen. Das erfährt am nächsten Tag auch Linard Paulmichel. Er liegt gut im Rennen, doch dann: Mal um Mal saust seine Mazla am Ball vorbei. Vier Mal bleibt das ohne Folgen, beim fünften Mal gibt es einen Strafpunkt. «Impossibel», murmelt Linard, schüttelt den Kopf, lässt jemand anderem den Vortritt – und haut danach gleich wieder fünf Mal daneben.
Als es endlich klappt, fliegt der Ball dann dafür weiter als je zuvor. Und natürlich lässt das vielstimmige «Bella!» nicht auf sich warten.