Das Zuhause wird zum Gästehaus

Familie Hostettmann kam nicht um einen Neubau des Wohnhauses herum. Im bisherigen Haus planen sie ein Gästehaus mit Restaurant für Touristen und Reitfans.

«Sobald Sie in Châtelat sind, können Sie mich anrufen. Dann werde ich Sie am Telefon zu uns lotsen», sagt Jean-Claude Hostettmann zuvorkommend. Tatsächlich lohnt es sich, beim erstmaligen Besuch im Berner Jura dieses Angebot anzunehmen. Denn der Weg führt auf einem steilen, holprigen Strässchen nicht nach Monible selbst, sondern an der mit 40 Einwohnern kleinsten Gemeinde des Kantons Bern vorbei und über eine kleine Kuppe zum Weiler Les Grands Champs. Hier bewirtschaften Jean-Claude und Sylvie fernab von Alltagshektik oder Verkehrslärm den Bauernhof, den seine Eltern vor 40 Jahren gekauft haben, und kümmern sich primär um die Kühe mit deren Kälbern. Genauso redegewandt und freundlich, wie er zuvor am Telefon den Weg erklärt hat, führt Jean-Claude wenig später durch den Rohbau des neuen Wohnhauses. Im Sommer wird er es zusammen mit Sylvie und den beiden Kindern Morgane (5) und Alexandre (3) beziehen. Auf einen genauen Termin will sich der 38-Jährige nicht festlegen. Aber man spürt sowohl bei ihm als auch bei Sylvie die Vorfreude auf diesen Moment.Bis dann lebt die junge Familie noch in Jean-Claudes Elternhaus, das sich unmittelbar neben dem Neubau befindet. Die kleine Küche ist zwar gemütlich, entbehrt aber jeglichen Komforts, die sanitären Einrichtungen sind bescheiden und ein Cheminée im Wohnzimmer ist die einzige Wärmequelle. «Das Thermometer im Haus zeigte im Winter oftmals weniger als 10 Grad Celsius an», sagt Sylvie. Künftig wird eine effiziente Holzschnitzelheizung für Behaglichkeit im gut isolierten Neubau sorgen. Das Holz dafür stammt von Bäumen, die Jean-Claude selbst fällt. Da der Ertrag aus der Viehwirtschaft allein nicht reicht, um finanziell über die Runden zu kommen, hat er sich nämlich über die Jahre hinweg ein zweites Standbein aufgebaut: Im Winterhalbjahr ist er im Auftrag von vier umliegenden Gemeinden als Holzfäller tätig. Während dieser Zeit kümmert sich Sylvie um Kinder, Haushalt und Stall.

Eldorado für Reitfans

Der Umzug ins neue Heim ist nötig, damit die Familie Hostettmann ein weiteres Projekt in Angriff nehmen kann: Den Totalumbau des bisherigen Wohnhauses in ein Gästehaus samt dazugehörigem Restaurant. Die Eröffnung soll möglichst schon im Jahr 2013 erfolgen. «Wir werden auf keinen Fall etwas überstürzen», sagt Jean-Claude. «Wir empfangen erst dann Touristen, wenn wir den nötigen Komfort bieten können.» Geplant sind ein kleiner Schlafsaal für sechs Personen sowie einige wenige Doppelzimmer. «Unser Haus soll klein, aber fein sein. Charme und Gastfreundlichkeit werden unsere Trümpfe sein.»Ziel des Angebots im Bereich des sanften Tourismus sind Wanderer, Mountainbiker und Tourenfahrer, die Ruhe suchen und die Abgeschiedenheit von Hostettmanns Herberge im Jura zu schätzen wissen. Zum Eldorado könnte sich der Hof insbesondere für Reitfans entwickeln: Unmittelbar an einer Reitroute gelegen, werden Hostettmanns auf ihrem Hof sowohl Reiter als auch Pferd Unterkunft anbieten können. Ums leibliche Wohl der Gäste wird sich Sylvie kümmern, die gelernte Bäckerin/Konditorin ist. Das Gasthaus im Erdgeschoss entspricht zudem einem Bedürfnis der gesamten Region: «In letzter Zeit haben viele Restaurants den Betrieb geschlossen. Diesem Trend wollen wir entgegenwirken und die Möglichkeit bieten, bei uns Freunde und Kollegen auf ein Glas Wein oder zum Essen zu treffen», sagt Jean-Claude.

Immer wieder innovative Ideen

So sehr Jean-Claude und Sylvie vom Potenzial der Geschäftsidee überzeugt sind, so sehr ist ihnen klar, dass es sich bei dem Gasthaus nur um ein weiteres Standbein handeln wird. Weiterhin Priorität haben der Bauernbetrieb sowie die Arbeit im Wald. Das Beispiel zeigt aber den unternehmerischen Geist der Hostettmanns. «Man kommt nur weiter, wenn man die Scheuklappen ablegt und etwas Neues ausprobiert», sagt Jean-Claude. «Manchmal muss man nur ein Detail verändern, um eine Verbesserung zu erzielen, manchmal muss man auch komplett neue Wege gehen. Wichtig ist, stets die Augen offen zu halten.» Wie beispielsweise beim Laufstall, der 2010 in Betrieb genommen wurde: Hier finden die Tiere nicht nur mehr Freiheit, hier hat sich auch der Aufwand für deren Fütterung erheblich reduziert. Oder wie beispielsweise bei der Fotovoltaik-anlage auf dem Dach des Stalls: Seit Ende 2011 speist sie umweltfreundlich produzierten Strom für rund 40 Haushalte ins Schweizer Stromnetz dank Bundesgeldern tut sie dies kostendeckend. Jean-Claude: «Wenn man die Chance hat, aus einem bestehenden Angebot einen Zusatznutzen zu erzielen, muss man sie beim Schopf packen. Super ist, wenn man dabei Unterstützung erhält. Den Neubau des Wohnhauses und das Gästehaus hätten wir ohne die Schweizer Berghilfe nicht realisieren können. Für diese Hilfe, die uns eine neue Perspektive ermöglicht, sind wir sehr dankbar.»

Erschienen im Juni 2012

Das Projekt in Kürze

  • Monible/BE