Viel mehr als nur einkaufen

Ramosch ohne Butia? Das kann sich im Unterengadiner Dorf niemand vorstellen. Der Laden ist viel mehr als nur eine Möglichkeit, einzukaufen.

Die Butia Ramosch hat viele Gesichter. Eines ist das des Dorfladens, der die Bevölkerung mit allem Nötigen versorgt. Ein anderes der Treffpunkt, wo sich die alten Damen des Dorfs genauso zum Kaffee treffen wie die Handwerker zum Znüni. Die wichtigsten Gesichter der Butia Ramosch aber heissen Wanda, Ladina, Monica und Hildi. Sie alle stehen seit der Eröffnung im Jahr 2020 nicht nur hinter der Kasse, sondern auch für Freundlichkeit und den persönlichen «Touch».

Das Projekt in Kürze

  • Dorfladen
  • Ladeneinrichtung
  • Ramosch/GR

Die Butia Ramosch ist eine Erfolgsgeschichte. Aber angefangen hat alles mit einem ziemlichen «Chnorz». Der langjährige Betreiber des damaligen Dorfladens wollte aufhören, eine Schliessung stand im Raum. Das wollten die Ramoscherinnen und Ramoscher nicht zulassen. Sie gründeten einen Verein zur Erhaltung ihres Ladens, ein Grossteil des Dorfes wurde Mitglied und zahlt seither einen jährlichen Beitrag, der zur Deckung des Mietzinses genutzt wird.

Auch Wanda Hopman, eine gebürtige Holländerin, die seit Jahrzehnten im Unterengadin lebt und lange Jahre das Hotel «Val Sinestra» oberhalb von Sent geführt hatte, wollte sich einbringen. Sie dachte an eine Mitarbeit im Vorstand, vielleicht als Aktuarin. Während des Telefongesprächs mit dem Präsidenten des neuen Vereins kam ihr plötzlich die Idee: «Ich könnte den Laden ja eigentlich auch selbst führen.» Schon hatte sie den Gedanken laut ausgesprochen, damit offene Türen eingerannt und auch bereits zugesagt. «Ich hatte mich selbst überrascht mit diesem Entscheid, habe ihn aber bis heute nie bereut», sagt sie. «Für mich ist die Butia mehr als ein Geschäft, sie ist ein soziales Projekt.»

Die Gemeinde hilft

Ein Projekt, das bis zu seiner heutigen Form im schönen Holzgebäude mitten im Dorf noch ein paar Hürden nehmen musste. Der ehemalige Besitzer des Dorfladens wollte den neuen Betreibern seine Lokalitäten plötzlich doch nicht mehr vermieten. Also wurde an der nächsten Gemeindeversammlung beschlossen, dass die Gemeinde ein Ladenlokal neu baut und dieses dem Unterstützungsverein vermietet. Innert weniger Monate wurde der Holzbau aus dem Boden gestampft. Für die Inneneinrichtung brauchten Wanda und ihr Team nur drei Tage. «Im Nachhinein betrachtet konnte uns nichts Besseres passieren. Hier sind wir viel besser dran», freut sich Wanda.

Die Unterstützung

Als der Ramoscher Dorfladen umziehen musste, erstellte die Gemeinde das neue Gebäude direkt neben dem Schulhaus. Für die Einrichtung war allerdings der Unterstützungsverein zuständig. Um dies aus eigener Kraft zu stemmen, reichten die finanziellen Mittel nicht aus. Die Schweizer Berghilfe übernahm den fehlenden Restbetrag.

Ihr Ziel, den Laden zu einem belebten Treffpunkt zu machen, hat sie erreicht. Egal, ob man am Vormittag, am frühen Abend oder über Mittag vorbeischaut, die Tische im Café-Bereich und draussen auf der Terrasse sind selten leer. Das heisst für die Mitarbeiterinnen aber auch, dass nebst Einkassieren und Gestelle einräumen auch Kaffee zubereiten, Bier zapfen und Essen servieren zum Stellenbeschrieb gehören. Und sich um die Ramoscherinnen und Ramoscher kümmern.

«Wir sind für viele ein wichtiges Medikament gegen die Einsamkeit», sagt Monica Vonlanthen. Ihr ehemaliger Klassenlehrer etwa kam schon immer gerne auf einen Schwatz vorbei. Als dann die Demenz einsetzte, kam er immer öfters und blieb immer länger. «Seine Frau war beruhigt, weil sie wusste, dass er bei uns in guten Händen ist.» Als er dann irgendwann in ein Pflegeheim im Münstertal umziehen musste, kam er sich extra beim Team des Dorfladens verabschieden. «Da hatte ich kurz feuchte Augen.»

butia-ramosch.ch

Text und Video: Max Hugelshofer

Bilder: Yannick Andrea

Erschienen im August 2026

Bei diesem Jass geht es um die Fünf

Fünf ist die Zahl, die dem Kartenspiel «La Tschinquina» seinen Namen gibt. Für das Jass-ähnliche Spiel, das im Unterengadin mit speziellen Karten gespielt wird, braucht es fünf Spieler. Jeder spielt für sich allein, spannt aber je nach Blatt in jeder Runde mit anderen Mitspielern zusammen, sodass sich zwei Teams bilden. Wer im Verliererteam gelandet ist, bezahlt einen vorher abgemachten Betrag an jeden der Gewinner. Früher ging es bei diesen Spielen schon mal um Haus und Hof. Bei der «Tschin-quina»-Runde, die sich jeden Freitagnachmittag in der Butia Ramosch trifft, beträgt der Einsatz jedoch lediglich 50 Rappen. Und reich wird sowieso niemand. Das Geld kommt in einen Topf, und wenn genug darin ist, geht man damit gemeinsam essen.

Die Schweizer Berghilfe leistet finanzielle Unterstützung, wenn das Geld nicht ausreicht, um ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren.